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Quer durch Galerien

Quietschentchen zur Marine?

Von Claudia Aigner

300 Jahre Wiener Zeitung!Gänzlich undenkbar ist es ja nicht, dass eine Kunstkritikerin ihren Kopf, der ganz schwer ist vor lauter Kritik, über eine ordinäre Badewanne beugt, wo das Schaumbad gischtet, und in euphorischer Schwärmerei ausruft: "Mei, was für ein herrliches Aquarell!" Eine Fehlleistung? Vielleicht weil der übermäßige Genuss von Kunst abführend wirken kann, nämlich die Kritikfähigkeit langsam abführt? Quasi: Stete Kunst höhlt das Hirn?
Noch bedenklicher wird es allerdings, wenn besagte Kunstkritikerin angesichts eines wackeren Quietschentchens, das dort im "Aquarell" in See gestochen ist, auch noch frohlockt: "Oh, eine Marine!" (Was mir unlängst ja beinah tatsächlich passiert wäre, aber in dem Fall ohnedies keine Kriegsmarine bezeichnet hätte - denn ein Quietschentchen macht noch keine Kriegsflotte -, sondern vielmehr schlicht, im einschlägigen Kunstlexikonjargon, ein Seestück gemeint hätte). Doch jetzt endlich zum Punkt. Ich kann ja nichts für meine Logorrhö, die verbale Form der Diarrhö, also den Sprechdurchfall.
Beim Kargl (Schleifmühlgasse 5, bis 26. Februar) steht ein runder Swimmingpool herum, in dem Herbert Hinteregger das Wasser mit Kugelschreibertinte betörend grünblau, fast schon sentimental-türkis eingefärbt hat und den Wasserspiegel obendrein beschaulich expressiv aufgewühlt hat, weil das Wetter aus zwei unterschiedlichen Windrichtungen daherkommt (soll heißen: Zwei Ventilatoren erzeugen sanfte Welleninterferenzen). Blickt man nun erwartungsvoll in den Pool und erkennt ein flüssiges Gemälde darin, sozusagen ein abstrakt romantisches Landschaftsbild, so ist das kein Lapsus. Vermutlich jedenfalls. Das legt auch das kreisrunde Bild an der Wand nahe (verhalten wild über die Leinwand verteilte Kugelschreibertinte). Titel: "Poolauge". Die Anlehnung ans Bullauge, jenes Fenster, das übers Meer fährt, ist unüberlesbar.
Apropos "im Tintenrausch": Hinteregger, der Herr der Kugelschreiber, der fast die ganze abstrakte Kunst (von malerisch monochrom bis geometrisch konstruktiv) mit der daraus gewonnenen Tinte beherrscht, ist freilich nicht so einer, der wie ein emsiges Bienchen von Blüte zu Blüte (pardon: von Kuli zu Kuli) summt, um Nektar zu schlürfen. Anfangs soll er die Kulis zwar schon einzeln gemolken haben, mittlerweile kauft er aber gewissermaßen den Honig gleich im vorteilhaft großen Topf (ohne "Biene" also). Und eigentlich ist er ja gar kein Realitätsverweigerer (kein total Abstrakter). Irgendwie spielt immer die Welt mit herein. Und wenn es nur "Das Grün der Felder" ist. Mich hat Hintereggers konsequente Kugelschreiber-Monogamie ziemlich beeindruckt. Und die ungeahnten Qualitäten, die er aus dem herausholt, was die Kulis in ihrer Aorta (der Mine) haben.
Pierre Bismuth stellt uns bis 28. Februar in der Galerie König (Schleifmühlgasse 1) beinah schon penetrante Löcher in den Weg. Genau genommen behindert das, was um die Löcher herum ist, nämlich die Wand, die uneingeschränkte Bewegungsfreiheit. Das unprofessionell Heimwerkerische an den Löchern, durch die man sich hindurchducken muss, stört mich zugegebenermaßen ganz ordentlich.
Ansonsten hat Bismuth unter anderem, diesmal absolut präzise, die verschiedensten Synchronisationen von Disneys "Dschungelbuch" so lange vermischt, bis man dort jetzt international, geradezu babylonisch spricht, also babylonisch sprachverwirrt ist. Mogli spricht Spanisch, Baloo, der Bär, Hebräisch. Ich weiß zwar nicht, was genau es mir, der Menschheit und der Welt bringt, meine Wahrnehmung leicht zu erschüttern oder mich zu irritieren. Aber es fasziniert. Und ich habe auch das deutliche Gefühl, dass es mich unterhält.

Erschienen am: 20.02.2004

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