Kunst kostet
Himmlisch kann sie sein, die Kunst, und wie von einem anderen Stern. Der Künstler selber aber ist deswegen lange noch kein Himmelskind: gerade wegen seiner seltenen und seltsamen Talente spürt er das Irdische an seiner Existenz besonders krass, und eben weil er das Auf-dieser-Erde-Unterwegssein ja mit uns allen teilt, kann er uns so eindringlich, erfahrungssatt und leidenschaftlich davon erzählen, was es heißt, von morgens bis abends Mensch zu sein. (Nachts bekommt ja auch unsereins bisweilen einen Zipfel vom Himmlischen mit.)
Zum einen also hat der Künstler – und das heißt hier immer und ganz selbstverständlich auch: die Künstlerin – so eine Art Stellvertreterposition, zum andern zeigt er, tragisch oder komisch, die Welt und uns im Spiegel noch einmal, und zum dritten ist er Schönheitsfabrikant. Wir sind ihm dafür dankbar. Sozusagen. Da wir uns nämlich alle, ganz gleich, was unsere Profession ist, als Kunstsachverständige sehen, sind bitte wir es auch selbst, die entscheiden, ob etwas Kunst ist oder nicht, und das heißt zwangsläufig auch, ob einer Künstler ist oder nicht. Jemand, der Bäcker sein will, backt Brötchen und ist Bäcker, basta, und selbst wenn seine Brötchen schlecht sind, ist er ein Bäcker, halt ein schlechter. Dem selbst ernannten Künstler aber schallt es gern einmal entgegen: Das soll Kunst sein? Das kann mein Enkerl auch! Und aus ist’s mit der Künstlerakzeptanz.
Ja, Künstler sein ist schwer. Denn das ist nur das eine; das andere ist, dass auch der Künstler gern in ein belegtes Brot beißt. Es scheinen aber immer weniger Leute zu begreifen, dass das, was der Künstler macht, auch Arbeit ist, genauso wichtig wie die des Müllmanns und des Arztes und genauso darauf angewiesen, dass sie bezahlt wird. Was daher Google derzeit den Schriftstellern und Wissenschaftern zumutet, ohne viel zu fragen, ist wahrlich ungeheuerlich: Sie digitalisieren auf Kosten der Autoren ungefragt, unkontrolliert und uneinholbar eine einzigartige Internet-Bibliothek zusammen und verwandeln so das Wissen dieser Welt in ein Geschäftsmonopol. Und: Was jeder fröhlich raubkopierende Student und jeder findig herunterladende Musik- und Filmfreund sich erlaubt, indem er aus dem Netz sich holt, was ihm gefällt, nennt man in unserer Gesellschaft Diebstahl und sonst nichts. Das Urheberrecht ist aber nicht weniger gültiges Gesetz als etwa jene, die das Klauen oder das Abmurksen regeln. So mancher grüne junge Mensch bemüht sich, ökobewusst uns klar zu machen, dass die Erde kein Selbstbedienungsladen ist, setzt sich aber ohne Skrupel anschließend an den Computer und selbstbedient sich dort, gratis natürlich. Es war der Nazarener, der uns einst empfohlen hat, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist (vulgo des Finanzministers). Wir dürfen, nach einem halben Jahrtausend, ergänzen: und dem Künstler bitte auch, was des Künstlers ist. Es ist in der Regel wenig genug.(In dem Zusammenhang zum Schluss noch eine kleine Anekdote aus dem Sekundärbereich der Kunst: Als ich einst einem Steuerberater erzählte, was man so mit einer Buchbesprechung verdient, und unterstellte, dass er das angesichts seiner Gutachterhonorare wohl kaum machen würde, war die Antwort: Dafür würde ich das Buch nicht einmal lesen.)Jochen Jung, Verleger und außerdem Schriftsteller

















