01.04.2003 20:12
"Nationalliga" oder "Das Bändigen eines
Schlangenhauptes"
Biennale-Chef Francesco Bonami
stellte in Wien das Programm vor
Wien - Mit Schwert und Medusakopf in Händen ist er nicht
angetreten, der neue Leiter der Biennale di Venezia: Francesco Bonami, am
Wien-Gig auf seiner weltweiten Promotiontour im Vorfeld der Mitte Juni
startenden Kunstbiennale, vergleicht sich dennoch mit Perseus. Und zeigt dazu
ein Bild von Cellinis berühmter Renaissanceskulptur aus Florenz.
Es gilt
die Menschen und vor allem Nationen zu "bändigen", die in 64 Länderpavillons
eine Art Leistungsschau betreiben. Das Länderprinzip, viele Biennalen lang
thematisiert und als anachronistisch infrage gestellt, sei diesmal "sehr
lebendig", meinte Bonami. In der Kunst sei die Entwicklung langsamer als beim
Fußball, da hätten etwa Wales und Schottland eine eigene Mannschaft. Palästina
bekommt keinen Pavillon, dafür das Projekt Stateless Nation, welches laut Bonami
stellvertretend für Identitätsfragen steht. "Diplomatische Kämpfe" seien, so der
Biennale-Chef, etwa rund um den China-Pavillon entstanden.
In
Österreichs Hoffmann-Pavillon ziehen zwei Großskulpturen und einige kleinere
Arbeiten von Bruno Gironcoli ein, auch im Garten gestattete Bonami die
Platzierung von zwei Skulpturen. Weitere Teilnehmer aus Österreich sind Josef
Dabernig, Maria Lassnig, Florian Pumhösl und Markus Schinwald. Sie alle werden
in einigen der elf unterschiedlichen, von verschiedenen internationalen
Kuratoren betreuten Schauen vertreten sein. Franz West tritt im Rahmen der
italienischen Gruppe "Zerynthia" in Erscheinung.
Bonami hält bei dieser
50. Jubiläumsbiennale nichts mehr vom Ein-Mann-Kurator, wie ihn Harald Szeemann
noch repräsentierte, sondern vertraut der Perspektive von sieben weiteren,
darunter Gilane Tawadros, Igor Zabel, Hou Hanru, Carlos Basualdo und Gabriel
Orozco. Catherine David übernimmt die Zeitgenössische arabische Vertretung,
Hans-Ulrich Obrist kümmert sich um die (jungen) Utopien. Für das Museo Correr
stellte Bonami die Malereischau Von Rauschenberg zu Murakami zusammen, für das
Arsenal die Ausstellung Blinde Passagiere. Der Biennale-Übertitel Dreams and
Conflicts bekomme nun einen Beigeschmack durch den Krieg, stellte Bonami fest
und betonte die neue Autonomie des Betrachters, im Biennale-Untertitel
martialisch "Diktatur des Zuschauers" genannt.
Die Streitigkeiten um die
Repräsentation Italiens sind nun auch geklärt. Neben dem Länderpavillon werden
auch fünf junge Italiener in einer temporären Bau der Architektengruppe A12
ausstellen (The Zone), ein Venedig-Pavillon zeigt zusätzlich vier weitere
Künstler. Carol Rama und Michelangelo Pistoletto sollen zudem den Goldenen Löwen
für ihr Lebenswerk zugesprochen bekommen. (Doris Krumpl/DER STANDARD;
Printausgabe, 2.04.2003)