Kunstforum: Erste Personale des amerikanischen Pop-Art-Künstlers Roy
Lichtenstein in Wien
Die Maschinenraster des Alltags
Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Das MUMOK besitzt einige wenige Arbeiten eines der
berühmtesten Vertreter der Pop-Art; eine Personale gab es jedoch
hierzulande noch nicht. Nun zeigt das Kunstforum Wien "Roy Lichtenstein"
bis 7. März in einer Retrospektive mit zirka 50 Gemälden und
faszinierenden Arbeiten auf Papier, die Einblick in seinen Arbeitsprozess
geben. Mit Hilfe der Roy Lichtenstein Foundation können derzeit zwei
Ausstellungen in Europa gezeigt werden, ohne dass eine zu kurz käme: Roy
Fox Lichtenstein (1923 bis 1997) hat an die 4.000 Werke hinterlassen.
Der Absolvent der Art Students League (Malereistudium) mit einer
zusätzlichen Designer-Ausbildung dekorierte Schaufenster und orientierte
sich zuerst an den abstrakten Expressionisten; doch wechselte er schon in
frühen Gemälden den Pinsel gegen ein Maltuch, mit dem er die Farben
ähnlich einer Frottage auftrug. Nach seinem Kriegseinsatz in einer
Fliegerstaffel hatte er in Paris auch Geschichte und Französisch studiert;
seine erste Frau Isabel Wilson arbeitete als Ausstellungskuratorin und
ermöglichte ihm ab den fünfziger Jahren auch Museumsauftritte; doch erst
nach seiner Entscheidung für die poppige Figur (Mickey-Mouse war sein
erster Protagonist) aus Comics und die Girlies der Warenwelt mit einer
vorerst freien, dann mit Schablone aufgetragenen Punktrasterung kam der
Durchbruch. Kurator Florian Steininger hat neben den bekannten bunten
Arbeiten, die auf Farbe als autonome Präsenz im Bild setzen wie etwa bei
Matisse, die reduzierteren schwarzweißen Spulen- und Lupen-Bilder sowie
die Referenzen (und gleichzeitige Kritik) an den(m) aktionistischen Stil
Pollocks ausgewählt, die auch an die zeitgleiche Minimal-Art und dabei vor
allem an Frank Stella oder SolLewitt erinnern. Doch ist bei Lichtenstein
auch die Kunstgeschichte bis zur Antike und zu japanischen Holzschnitten
der Song-Dynastie immer ein geradezu postmodernes Anliegen gewesen. Markus
Brüderlin spielt dabei im Katalog auf die Re-Auratisierung der scheinbar
durch industrielle Vervielfältigung von Kunstwerken verlorene Aura (nach
Walter Benjamins Text von 1936) in Lichtensteins Bildern an. Der
ironische und kritische Faktor macht neben dem präzisen, in drei Schritten
mit Collagen und Raster vollzogenen Arbeitsprozess des Künstlers die große
Faszination dieser Gemälde bis heute aus. Lichtenstein erwischt die
Avantgarde im Kreuz ihrer "Erlahmung", er führt die Träume von neuer
Gesellschaft ad absurdum und beendet die moralisierende Note einer Kunst
als ästhetische Religion; gleichzeitig macht er sich über die
Verbürgerlichung der Hochkunst lustig, er situiert seine vordergründigen
"niedrigen" Alltagsmythen von schönen Blondies und exotischen Aloha-Girls
und kriegerischen Herren in gestylten Wohnräumen seiner Sammler und
erzeugt damit den Verdopplungseffekt vom "Bild im Bild". In seinen oft
nahezu klassischen Rückblicken und Spiegelungen ist allerdings auch die
Selbstreflexion des Mediums Malerei angesprochen, die in der großartigen
Serie der "Brushstrokes" und ihrer absurden Entpersönlichung einen
besonderen Höhepunkt findet; dabei würde man sich die Anordnung der Themen
in manchen Fällen in einer anderen Hängung wünschen; der historische Part
zu Beginn geht allerdings gut auf und die von Castelli geliebten
umgekehrten Leinwände (ein Zitat nach dem Manierismus) kehren zu den
Pinselstrichen wieder. Es ist naheliegend, dass Lichtenstein auch Jazz
und Blues und dabei das Saxophon besonders mochte, aber dass er sich noch
spät ausbilden ließ, verwundert. Das Kunstforum gibt deshalb eine CD mit
Aufnahmen des musizierenden Künstlers heraus, dazu gibt es Vorträge,
Workshops, Spezialführungen und den Katalog mit Beiträgen von Ingried
Brugger, Robert Rosenblum und den genannten Florian Steiniger und Markus
Brüderlin.
Erschienen am: 24.02.2004 |
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