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16.09.2005 - Kultur&Medien / Ausstellung
Ausstellungen: Marx weint im Kämmerlein
VON ALMUTH SPIEGLER
Ausstellungen. Die Privatwirtschaft fördert in Wien und Zagreb Sprödes: Kunst mit sozialpolitischem Anspruch.

Es ist eine durchaus alarmierende Entwicklung: Während die Bundes museen mit plakativen Großausstel lungen dem Quotendruck der Politik nachgeben, Sparprogramme fahren oder sich gleich ganze Saisonen lang dem Kunstmarkt verschreiben und Privatsammlungen ausstellen, scheint gerade die Wirtschaft den anstrengenderen Part des Bildungsauftrags zu übernehmen. Abseits vom Mainstream engagieren sich Firmen in Sponsoring-Programmen, hauseigenen Sammlungen und Ausstellungsorten für die sprödere politische und sozialkritische Kunst.

So lässt zurzeit etwa ausgerechnet die Kunstfoundation der Gewerkschaftsbank Bawag den Wohlfahrtsstaat kritisch beleuchten. Das norwegisch-dänische Duo Elmgreen & Dragset hat mit seiner "Welfare Show" den Raum in der Tuchlauben in eine Art soziologische Beobachtungsstation verwandelt. Vom verglasten Büro der Direktorin aus kann durch ein Fernrohr der darunter liegende, geschlossene Ausstellungsraum beobachtet werden, wo sich ein Mann durch einen Müllberg wühlt. Als Kontrast richtet sich ein zweites Fernrohr hinaus auf die Luxus-Meile Tuchlauben - voyeuristisch lassen sich so etwa die Gäste des Nobel-Italieners Fabios verfolgen, vielleicht luncht dort ja gerade ein Bawag-Vorstand.

Kunst, Gesellschaft, Politik. Das sind Themen, denen sich in Wien vor allem die 1988 gegründete Generali-Foundation verschrieben hat. Ohne Rücksicht auf ein breites Publikum - so kommt es einem manchmal vor - fährt man hier den Diskurs-Kurs. Ab heute wird unter dem Titel "Wie Gesellschaft und Politik ins Bild kommen" eine Gruppenschau mit alten Meistern und Nachwuchs der "engagierten Kunst" gezeigt. Von Hans Haackes 40 Meter langem Profil der Wohnsituation New Yorker Galeriebesucher bis zu Adrian Pipers direkt konfrontierenden Boxen zum Thema Rassismus. Sogar das über die Wiedner Hauptstraße gespannte Werbebanner wurde zur Proklamierungsfläche umgewidmet: Das Künstlerduo "Klub Zwei" und die "Schwarze Frauen Community" fordern hier "Respekt und Rechte für sichtbare Minderheiten!". Lesen statt Erleben heißt es in der Generali Foundation oft - was Vor- und Nachteile hat. International genießt sie mit ihrer stringenten Sammlung höchstes Ansehen. Dementsprechend erfolgreich verläuft die heuer gestartete Tournee der Sammlung "Occupying Space", die nach Rotterdam und München ab 28. Oktober in Zagreb Station macht.

Vielleicht gibt es zurzeit auch keinen besseren Ort für "Occupying Space", ist die junge Kunstszene der kroatischen Hauptstadt im Gegensatz zur Wiener politisch äußerst aktiv, - und gerade damit beschäftigt, Räume für sich zu besetzen. Wie in vielen Staaten des ehemaligen Ostblocks mangelt es auch hier der freien Szene an Infrastrukturen abseits der hermetischen staatlichen Institutionen. Doch seit zwei Jahren wird in Zagreb von vier jungen Gruppen, die die Bereiche Neue Medien, Theater, bildende Kunst abdecken, ein modellhaftes Projekt betrieben - nicht ganz ohne Ironie: "Zagreb Cultural Kapital of Europe 3000" nennt sich die Plattform für Kulturinitiativen mit sozialkritischem Anspruch, die durch Veranstaltungen und gemeinsam erarbeitete kulturpolitische Strategien zu einer nicht mehr zu ignorierenden Stimme geworden sind.

Und auch in diesem Fall ist es mit der "Erste Bank" wieder ein österreichisches Privatunternehmen, das über drei Jahre hinweg mit je 60.000 Euro Starthilfe gibt - und nicht eine staatliche Förderstelle, wie sie sich Deutschland mit dem ebenfalls hier engagierten Osteuropa-Programm seiner Bundeskulturstiftung leistet. Unter anderem mit diesen Unterstützungen konnte diese Woche in Zagreb auch erstmals ein großes gemeinsames Festival der Off-Szene organisiert werden - nebenbei eine kreative Manifestation der Platzwünsche, die sich auf den Austragungsort des Festivals, eine baufällige ehemalige Getränke-Fabrik nahe dem Zentrum, konzentrieren.

Interaktive Kunst, Pseudo-Wissenschaftliches, Performance, elektronische Musik, Installationen, Videos treffen auf den 19.000 Quadratmetern ebenso zusammen wie die renommierten kroatischen Künstler Mladen Stilinovic und Sanja Ivekovic und die nächste Generation, etwa Nemanja Cvijanovic. 3000 Besucher wurden allein bei der Eröffnung gezählt, bei der sich der Zagreber Bürgermeister einmal mehr nur zu einer vagen Versprechung hinreißen ließ, die Immobilie als Kulturzentrum zur Verfügung zu stellen. Doch die Szene hat sich bereits vernetzt - und noch dazu einen ziemlichen Spaß dabei: Mit Gerümpel-Maschinen wird mit Farbe auf Wandbilder geschossen und in einem Kämmerlein weint good old Marx per Video-Animation still vor sich hin.

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