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Kunstberichte

Das Chaos der Füße, von Menschen und Tischen

Eine Besucherin im Schinwaldschen Labyrinth. Foto: epa/ Andrea Merola

Eine Besucherin im Schinwaldschen Labyrinth. Foto: epa/ Andrea Merola

Aufzählung Markus Schinwald verunsichert im Österreich-Pavillon durch subversive Ironie.

Venedig. (jl) Mag sein, dass es die nationale Kunst in globalisierten Zeiten tatsächlich nicht mehr gibt. Beim Pressetermin im österreichischen Pavillon mit Kulturministerin Claudia Schmied, Biennale-Kommissionärin Eva Schlegel und dem in Wien und Los Angeles arbeitenden Markus Schinwald, wurde jedenfalls das Internationale im Schaffen des Künstlers betont. Dass Schinwald zunächst dem Josef Hofmann-Bau in den Giardini vor allem die menschenverkleinernde Dimension genommen hat, belegt immerhin, wie produktiv eine Auseinandersetzung mit dem nationalen architektonischen Erbe sein kann.

Der stets seine eigenen Ausstellungen in einen Raum inszenierende Allround-Künstler hat mit einem Vorbau sowohl den Eingang zum Pavillon als auch das Pathos der Symmetrie verschwinden lassen. Innen verändert das mit 400.000 Euro vom Kultur-Ministerium und 300.000 Euro von privaten Sponsoren finanzierte und technisch nicht unkomplizierte, weil tonnenschwere Labyrinth aus weißen Wänden den Raum radikal.

Wie Venedig selbst

Es schafft die Kulisse für seine sparsam darin verteilten Bilder und Objekte und bezieht sich zugleich auf den Ort der Biennale, denn das Labyrinth erinnert an das Gassengewirr der Lagunenstadt. Der doppelte Boden, der das Ganze zur Kunst macht, aber besteht darin, dass die Wände über dem Boden schweben. Wer sich bückt, übersieht die sich scheinbar chaotisch frei bewegenden Füße der anderen Besucher. Diese Diskrepanz zwischen der klaustrophobischen Enge des Blickes (oben) und der scheinbaren Freiheit der Bewegung der Füße (unten) ist nur eine der sympathischen Irritationen dieser Raum-Installation. Acht der für Schinwald typischen, auf den ersten Blick in altmeisterlicher Manier gemalten Bilder samt ihrer merkwürdigen prothetischen Ergänzungen verstärken diese Atmosphäre ebenso wie die Tischbeine, die so, wie sie hier neu zusammenfügt und platziert sind, lebendig wirken.

Vollendet werden das ironische Schweben und die visuelle Verunsicherung durch den eigens in einer stillgelegten Wiener Brauerei gedrehten, neunminütigen Film "Orient", in dem sich die Protagonisten weder um die Gesetze der Schwerkraft noch um Kausalitäten zu kümmern scheinen. Damit runden sie eine produktive Verunsicherung ab, die nicht auf bösartige Aggressivität setzt, sondern der subversiven Kraft von heiterer Ironie vertraut.

Aufzählung Die Kunst, sich einzumischen

 

Printausgabe vom Freitag, 03. Juni 2011
Online seit: Donnerstag, 02. Juni 2011 17:43:00

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