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Ein amerikanischer Sommer in München

Raum der Linie.

Hedwig Kainberger München (SN). Der Titel „Der Raum der Linie“ klingt wie Frotzelei. Kann die Linie einen Raum haben? Etwas Zweidimensionales kann doch keine dritte Dimension dazubekommen, ohne die Eigenart als Linie aufzugeben!

Und doch: Mit Netzen von Linien, die sich in Punkten sammeln, wird üblicherweise das Gerüst jener Methode skizziert, die seit Anfang des 15. Jahrhunderts die Darstellung von Räumen auf Papier oder Tafeln dominiert: die Zentralperspektive. Mit ihr kann über ein Liniensystem die Illusion erzeugt werden, der Betrachter sehe keine Bildfläche, sondern blicke in einen Raum. Wie blitzschnell wir in zwei, drei Linien einen Körper und folglich einen Raum zu sehen glauben oder wie wir vom unüblichen Einsatz der zentralperspektivischen Gesetze zu irritieren sind, ist seit gestern, Donnerstag, in einer Ausstellung in der Pinakothek der Moderne zu erleben: „Der Raum der Linie“ zeigt Kunstwerke aus den USA der 1960er- und 1970er-Jahre.

Fred Sandback (1943–2003) irritiert andersherum: Das Abbild (siehe unten) lässt den Schluss zu: eh klar, Zeichnung, Skizzen für vier Quader. Tatsächlich aber ist es eine Skulptur aus blau lackierten Stahlstangen, sonst nichts. Und doch evozieren sie den Blick auf Quader, also auf nicht vorhandene Körper.

„Der Raum der Linie“ ist die dritte Ausstellung US-amerikanischer Kunst, die die Pinakothek der Moderne unter dem Übertitel „American Summer“ bietet. Eine andere ist Donald Judd (1928–1994) gewidmet. Der hat uns gelehrt, nicht die Box, nicht die in Winkeln angeordneten Bretter, sondern den Raum darin und darum zu sehen. Die Münchner Ausstellung zeigt Kuben und Quader, wie sie für Judds Minimalismus typisch sind. Doch es sind Möbel! Unabstrakte, funktionsfähige Gegenstände, die Judd zum eigenen Gebrauch entworfen hat.

Die dritte Ausstellung ist dem Spätwerk John Chamberlains gewidmet: Skulpturen aus gepressten Autokarosserien. American Summer in der Pinakothek der Moderne in München (Internet: www.pinakothek.de): Der Raum der Linie, Amerikanische Zeichnungen und Skulpturen ab 1960, bis 25. 9. Donald Judd, Möbel, bis 9. 10. John Chamberlain, „Curvatureromance“, bis 23. 10.

Kultur / 29.07.2011 29.07.2011 / Print

 
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