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11.12.2003 - Kultur&Medien / Ausstellung
Im Lichtstrahl die Ekstase
René Clemencic, der Musiker, stellt in der Österreichischen Galerie seine Sammlung vor.

Eine Museumsschau fern vom Ge wohnten. Die 120 Kunstwerke, vom 6000 Jahre alten mesopotamischen Fruchtbarkeitsidol zum Schüttbild von Hermann Nitsch, sind nicht einem einzigen Schöpfer, einer Epoche oder einem von Kuratoren geliebten Thema zugeordnet, sondern einer einzigen Person: dem Sammler. Er ist Urheber dieses in den ostseitigen Parterreräumen des Oberen Belvedere aufgebauten Ensembles, über das wechselndes Scheinwerferlicht gleitet und das mit archaischer Tierstimmenmusik und Klavicordakkorden beschallt wird.

Da eine 3,60 Meter hohe hölzerne Schlitztrommel von den Neuen Hebriden, dort ein Meditations-Buddha, Holz, vergoldet. Eine lebensgroße männliche Holzfigur muss in einer Kunstakademie im 18. Jahrhundert Modell gestanden sein. Aus einer zwei Meter hohen melanesischen Initiationsfigur ragt ein Penis. Neben einer expressiv-pathetischen Grubenarbeiter-Statuette lagern elegante Gipsbozetti für Künstlerbüsten von Victor Tilgner, dem "Makart unter den Wiener Bildhauern".

Wie Wattebäusche kantenlos quellig, aus Stein oder Holz, Artefakte oder Fundstücke? Chinesen ließen solche "Weisheitssteine" oft Jahrzehnte lang im Wasser abhobeln, auf dass die Natur das Menschenwerk adle. Gerald Obersteiner, Österreicher, Jahrgang 1956, kommt solchen fernöstlichen Meditationsskulpturen nahe. Ein Idolpferd ("Votive für Epona") in Holz, 160 cm hoch, schuf die an der Akademie der bildenden Künste in Wien lehrende Elisabeth von Samsonow.

In der Ausstellung "Die Sammlung René Clemencic - Wandlungen: Ereignis Skulptur" erlebt man ein kosmopolitisches Synkret als Gesamtkunstwerk! Zu niemandes Überraschung bekennt sich René Clemencic - er promovierte mit einer Arbeit über den Existenzphilosophen Louis Lavelle - als ein Wagnerianer mit feinen Ohren und Augen für alles Kultische, Mystische. "Komme, nimm meinen Rath an, und rette deine Seele" ist auf dem Schnitzrahmen eines Madonnen-Bildes des Wiener Kirchenmalers Leopold Kupelwieser zu lesen. Der Seelenrettung will all das Schöne dienen, das querbeet in aller Welt gefunden und dann heimgetragen ward ins Wiener Haus.

Wertanhäufung? Preissteigerungskalküle? "Dem Spekulantentum habe ich mich immer verweigert", sagt René Clemencic. "Ich kaufe nur das, was mich innerlich anspricht, was hohe Qualität hat, und in erster Linie Skulptur." Ethno-Plastik ist ihrem Wesen nach eine anonyme. Da ist das Auge gefragt, es kann sich blamieren oder auszeichnen. Dass die Skulptur heute nicht mehr verstanden und in der üblichen Museums-Aufstellung vernachlässigt werde: Das ist des Selbsthelfers größter Kummer. Die Skulptur braucht wechselndes Licht. Darum sieht Clemencic im Laufe eines Sonnentages seine eigenen Schätze immer ein bisschen anders, und wohl auch bisweilen optimal, ideal. "Der Sonnenstrahl auf etwas - das sind meine Ekstasen!"

René Clemencic feierte heuer im Februar 75. Geburtstag. Er machte der Öffentlichkeit ein Geschenk - und selbstverständlich auch sich selber, seinem Ego, dem man auch in dieser Passion eine Verwandtschaft mit Künstler-Selbsterfahrungen gewiss nachsagen darf.

René Clemencics ureigenste Künste, die möglichst originalgetreue Rekonstruktion Alter Musik mit seinem Clemencic Consort sowie das Komponieren wurden weltberühmt. Die Ruhepausen auf Konzertreise nützt er zum Suchlauf durch Galerien, Antiquitätengeschäften, Auktionshäuser. Viele Asiatica kamen von Sotheby's, Christie's. Lange Jahre arbeitete er mit dem Wiener Kunsthändler Julius Hummel zusammen - "wir haben leidenschaftlich getauscht".

Die Idee, die Clemencic im großen Rahmen zu materialisieren erlaubt war, manifestiert sich in vielen Kleinhaushalten in Vitrinen mit zumeist von Reisen mitgebrachten Kleinantiquitäten. Dem Hüter eines ganzen Schatzhauses werden sich darum viele Besucher innerlich verbunden fühlen. Viele Sammler wollen sich für die Ewigkeit ein Denkmal setzen - bauen Museen oder verpflichten Museen, durch Schenkungen ihr Opus compositum für immer zu bewahren.

René Clemencic lächelt wie ein Chinese. "Der Gedanke, dass alles wieder auseinander geht, tut mir nicht sehr weh, ich bin da nicht sehr sentimental. Es ist schön, wenn wieder andere Leute Freude haben. Und der Katalog, der bleibt."

Die hochrangige Wiener Fotokünstlerin Christine de Grancy nahm die Objekte nach pizzeliger Beleuchtungsarbeit auf, blendete starke Details aus den Skulpturen heraus, spielte mit Licht und Schatten. In zwei Sprachen, deutsch und englisch, läuft der Text daneben. Ein typografisches Meisterstück des Vorarlberger Verlags Hämmerle. Ein Clemencic-Wahlspruch steht vorne drauf, ein Zeugnis von Herder: "Die Bildnerei ist Wahrheit, die Malerei Traum". Unter den wenigen ausgestellten Gemälden dominieren österreichische Nazarener.

Das allerliebste Stück? Der Sammler nennt einen chinesischen Buddha-Kopf (6. Jh.), Teil einer Höhlen-Skulptur, aus dem gewachsenen Fels herausgehauen. Hinter diesem hängt sich ins Mythische einschleichende Gegenwart: Hermann Nitsch.

Bis 29. Februar. Die. bis So. 19 bis 18 Uhr.

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