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Kunstberichte
Ein erster Rundgang durch die Biennale in Venedig - diesjähriges Motto: "Illuminazioni"

Die Kunst, sich einzumischen

Bestrickender Beitrag von Coltro and Arrivabene im Italien-Pavillon der Biennale.

Bestrickender Beitrag von Coltro and Arrivabene im Italien-Pavillon der Biennale. (© epa/Andrea Merola)

Von Joachim Lange

Aufzählung Die Teilnehmer der wichtigsten Kunstschau setzen ihre Arbeiten in Bezug zur Lage der Welt.
Aufzählung In Länderpavillons und auf Nebenschauplätzen dominieren gesellschaftliche und politische Aussagen.

Venedig. Österreich hat auf dieser Kunst-Biennale in Venedig denkbar gute Karten. Zwar klappt es bei Gelitin in den Arsenale-Gärten trotz hitzestrahlendem Schmelzofen und Riesen-Brennholzvorräten noch nicht so recht mit der Aus-altem-Glas-schmilzt-neue-Performance "Some Like it Hot". Aber weil die Truppe jung und kräftig ist, wird sie das wohl auch in der Sommerhitze überstehen.

Aufzählung Das Chaos der Füße, von Menschen und Tischen

Franz West, dessen Skulptur gleich nebenan ruhig und gelassen auf sanft angehügeltem Rasen ragt und der mit seinem Parapavillon im Arsenal gleich noch zwei Dutzend Künstlerfreunden (darunter auch Otto Mühl oder Plamen Dejanov) zu einem Biennale-Kleinauftritt verhilft, bekommt den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk. Und der Länder-(Labyrinth-)Pavillon von Markus Schinwald entfaltet auf Anhieb sein charmantes Charisma.

All das passt mehr oder weniger gut, wenn auch nicht so direkt wie James Turrells Lichtkammer oder Urs Fischers Wachsskulpturen, deren entzündete Dochte beharrlich ihr Werk verrichten, zum Motto "Illuminazioni", das Biennale-Direktorin Bice Curiger der wichtigsten Kunstschau der Welt heuer gegeben hat. Im Grunde gilt natürlich immer, dass Kunst als Licht auf die Wirklichkeit oder gar Erleuchtung für die Menschen wirken sollte. Und das in Zeiten, in denen die vielen roten Tragetaschen mit dem Aufdruck "Free Ai Weiwei" zu einem Motto der Biennale werden könnten. Oder auf den Videowänden im ägyptischen Pavillon zu sehen ist, wie die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz jede Kunstaktion überholen und wie die aufflackernde Gewalt der Autokraten den für Venedig nominierten Künstler Ahmed Basiouny das Leben kostet.

Keine italienische Orgie

Dass sich die von Kuratorin und den Ländern ausgewählte Kunst aus der Politik heraushalten und eigensinnig auf sich selbst bestehen würde, kann man der Biennale nach einem ersten Rundgang durch Arsenale und Giardini jedenfalls nicht vorwerfen. Selbst dort nicht, wo im Vorfeld von Kitsch und politischer Wohlgefälligkeit orakelt wurde – nämlich in der großen Gruppenausstellung der Italiener, die der im Umfeld Berlusconis schillernde Vittorio Sgarbi verantwortet.

Sgarbi hat kurzerhand 240 italienische Intellektuelle beauftragt, jeweils einen Künstler ihrer Wahl zu bestimmen. Was dabei unter dem Motto "L’Arte non è cosa nostra" herauskam, ist keineswegs nur die befürchtete Orgie aus Landschafts-, Heiligen- und Deko-Kitsch. Die Werke sind zwar vorwiegend figürlich und bedienen sich direkt wirkender ästhetischer Mittel. Aber ein ans Kreuz geschlagenes, bluttriefendes Italien, oder das installierte Mafia-Museum, das in zehn begehbaren Kabinen einen sinnlichen Eindruck dieses Krebsgeschwürs der Gesellschaft vermittelt, lassen nicht kalt.

Ein bemerkenswertes Beispiel von souveräner Selbsthinterfragung liefert Polen. Für diesen Pavillon hat die israelische Filmemacherin Yael Bartana drei Filme über eine erfundene Jüdische Renaissancebewegung im heutigen Polen gedreht, die mit ihrer Propagandafilmästhetik die Utopie der Idee ebenso konsequent unterläuft wie der Stacheldraht auf der hölzernen Einfriedung des Kibbuz.

Und wenn vor dem Pavillon der USA Spitzensportler auf einem umgestürzten Panzer ein Lauftraining absolvieren und dazu die Ketten rasseln, dann ist auch das ein Spiel mit dem Image der Weltmacht.

Das gecrashte Auto, das im Zentrum des ungarischen Pavillons platziert ist, als Menetekel für den politischen Kurs eines neuen Nationalismus zu nehmen, wäre wohl für die (in diesem Falle "natürlich" ungarische) Künstlerin heute schon bedrohlich. Dänemark wieder lässt seinen Pavillon heuer demonstrativ von überwiegend ausländischen Künstlern gestalten.

Schlingensiefs Widerspruch

Mit ihrer bewussten Auswahl und der zentralen Platzierung von drei Meisterwerken Tintorettos (1518-1594) im internationalen Giardini-Pavillon verweist Kuratorin Curiger andererseits provozierend auf die Autonomie der Kunstentwicklung. Mit seiner radikalen Subjektivität überzeugt Thomas Hirschhorn, der den Schweizer Pavillon mit zivilisatorischen Versatzstücken, die mit alptraumartigen Schlüsselbildern der Gewalt gegen Menschen gespickt sind, zu einem hell erleuchteten Gruselkabinett macht. Eine ähnliche Radikalität wird im deutschen Pavillon durch den Tod Christoph Schlingensiefs, wenige Monate nach seiner Nominierung, auf tragische Weise entschärft. Dessen von seiner Afrika-Begeisterung inspirierte Pavillonidee wird mehr zur weihevollen Erinnerung, was gerade bei ihm ein Widerspruch in sich ist.

Natürlich bestehen auch diesmal viele der Kunstwerke auf ihrer Autonomie. Aber auffallend oft bekennen sie unmittelbare Zeitgenossenschaft, die sich einmischen will. Und das mit jener "Illumination", die eben nur die Kunst vermag. Die Entdeckungsreise der diesjährigen Biennale hat begonnen.

Biennale di Venezia, 4. Juni bis 27. November, http://www.labiennale.org

 

Printausgabe vom Freitag, 03. Juni 2011
Online seit: Donnerstag, 02. Juni 2011 19:48:00

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