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Leopold Museum: „Was war da los, in Wien um 1900?“

06.09.2011 | 18:27 | BETTINA STEINER (Die Presse)

Tobias Natter ist ab 1.Oktober der neue museologische Direktor. Dass Rudolf Leopold neben Gemälden auch Kunsthandwerk und Grafik erworben hat, soll als „Motor für die Entwicklung“ dienen.

Lange wurde verhandelt, auch über das Gehalt: Mit dem Ergebnis, so der neue Direktor Tobias Natter bei seiner Einstands-Pressekonferenz, dass er „leider kein reicher Mann“ sei, wozu die am Podium Sitzenden das ihre beigetragen hätten. Die Stimmung konnte das nicht trüben. Rudolf Leopolds Witwe Elisabeth, der kaufmännische Direktor Peter Weinhäupl und Vorstandsvorsitzender Helmut Moser streuten dem Team, einander und sich selbst Rosen: „Sie haben ein Glück mit uns“, so Elisabeth Leopold. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, meinte Tobias Natter, der sich „angekommen“ sieht in einem „idealen Museum“. Der „Presse“ erklärte Natter, wohin er das Museum führen möchte.

Die Presse: Sie haben in der Pressekonferenz davon gesprochen, Schiele zu kontextualisieren. Können Sie das erläutern?

Tobias Natter: Schiele gehört zur Identität des Leopold Museums. Das ist eine Marke, die man pflegen muss. Aber dazu genügt es nicht, Werke zu besitzen, man muss sie befragen. Nehmen Sie „Kardinal und Nonne“. Das war ein Skandalbild und 100 Jahre später sind wir mit einer Benetton-Werbekampagne konfrontiert, die eben dieses Motiv wieder aufgreift. Ich bin sicher, dass Oliviero Toscani das Schiele-Bild gekannt hat, als er fotografierte, wie sich ein Priester und eine Nonne küssen. Und was passiert? Es ist wieder ein Skandal! Wie kann das sein? Was war los in diesem Wien um 1900? Das ist ja verrückt! Und dann konfrontiert man „Kardinal und Nonne“ mit dem Klimt-Kultbild „Der Kuss“ aus dem Belvedere. Der „Kuss“, das ist ein Heilsversprechen, da geht es um die ewige Sehnsucht nach Harmonie und nach Erfüllung. Bei Schiele dagegen: Diese Generation glaubt nicht mehr an das Versprechen, da ist der Wunsch nach Nähe da, die Geschlechter wollen zueinander – aber stattdessen driften sie auseinander. Wenn ich diese Gemälde einander gegenüberstelle, beginnen sie wie von selbst miteinander zu sprechen. Das interessiert auch das Publikum, weil es intellektuell bereichert, ohne dass ich mit großartigen Worten, mit Manifesten oder Erklärungen arbeiten muss.

Sie haben lange im Belvedere gearbeitet. Die Schiele-Sammlung dort hat eine ganz andere Ausrichtung...

Im Leopold Museum haben wir den jungen Schiele, den Schiele der Explosionszeit, die Bilder zeugen von kaum zu bändigender Kraft. Das Belvedere zeigt dagegen vor allem die großen Porträts des Spätwerks, das waren oft Auftragswerke, dieser Schiele ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Aber die Leopold-Sammlung ist auch insofern einzigartig, als sie sich nicht nur auf Gemälde konzentriert. Leopold hat auch Kunsthandwerk gesammelt, Möbel, Grafik. Wir können also Kunst und Design der Zeit zusammenbringen, so wie das ja damals von den Künstlern auch gedacht war: als Gesamtkunstwerk. Das wird der Motor der Entwicklung des Museums sein.

Es gibt einen Trend weg von personalen hin zu Themenausstellungen...

...und dabei eine Hinwendung zu den eigenen Sammlungen. Dahinter stecken auch ökonomische Gründe: die explodierenden Versicherungsprämien, die Transportkosten. Aber nicht nur: Die Sammlung ist das Rückgrat. Mit dem, was wir zeigen und dem, was wir im Keller haben, können wir neue Verbindungen schaffen, neue Fragen stellen, gesellschaftliche Bezüge herstellen. Das ist eine spannende Aufgabe. Natürlich wären auch Ankäufe schön, aber nicht sehr realistisch. Um es pragmatisch zu formulieren: Man muss nicht alles besitzen, was man befragen will.

Werden Sie sich in Restitutionsfragen einbringen?

Den Weg, den das Leopold Museum eingeschlagen hat, gehe ich gerne mit: Seitdem das „Bildnis Wally“ beschlagnahmt worden ist, hat sich sehr viel getan. Ich denke, das Leopold Museum hat zuletzt für alle Beteiligten faire und gerechte Lösungen gefunden, man hat auf Augenhöhe verhandelt, direkt mit den Betroffenen, und hat sich bemüht, rasch eine Entscheidung herbeizuführen.


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