Quer durch Galerien
Überschreitung der Neugier
Von Claudia Aigner
Frustration ist nicht meldepflichtig. Folglich wird man als
Kunde (sprich: als frei herumlaufende Kaufkraft) zumindest perplex sein,
wenn einem der Sinn einfach nur nach einer Wurst steht und außen am
Wurstgeschäft muss man plötzlich die Bekanntmachung lesen: "Ich hab die
Nase voll." Die private Befindlichkeit eines Fleischers interessiert ja
kein Schwein (höchstens jene Schweine, die den Beginn der Nahrungskette
der Fleischindustrie verkörpern). Das wäre ja schon "Überschreitung der
Neugier". Von einem Geschäftsmann erwartet man wenigstens so viel
Taktgefühl, dass er einem den unbeschwerten Konsum nicht verdirbt (durch
die Verlautbarung seiner, im übertragenen Sinne, vollen Nase, was einem
Gefühlsausbruch ungefähr der Stufe 3,5 auf der nach oben offenen
Richterskala gleichkommt, wobei Stufe 8 dann der Amoklauf wäre). Ken
Lum schmuggelt in die aalglatte Welt der Werbung persönliche Schicksale
und mitunter recht zynische Kommentare ein, hängt nämlich an makellose
Firmenschilder höchst irritierende Texte dran (freilich nicht auf offener
Straße, sondern etwa derzeit, bis 26. Jänner, in der Galerie Insam,
Köllnerhofgasse 6). Die Anwaltskanzlei "Michael Hasson &
Associates": Daneben ist eine Art Abschiedsbrief eines Anwalts: "Verlasse
das Gesetz, da gibt's keine Liebe mehr. Mike." Auch auf dem Schild selbst
hat es einen kleinen hintergründigen Eingriff gegeben. Jetzt, nachdem Lum
die Telefonnummer "korrigiert" hat, kann man bei der Gerechtigkeit
höchstpersönlich anrufen (vorausgesetzt, der Tastenblock des Telefons
spricht Englisch). Unter der Nummer: (416) J - U - S - T - I - C - E.
Lum haben es die familiäreren, intimeren Betriebe (sozusagen die
kleinen Fische im großen Weltkapitalismus) angetan. Nicht etwa McDonald's
(wo ja daneben hätte stehen können: "Wer nicht mit uns Coca Cola trinkt,
ist auf der Seite der Terroristen. Unterschrift: Big Mac". Steht aber
nirgends). Neben dem Schild des Papiergeschäfts "McGill & Sohn": die
Verkündung eines Scheidungsurteils (die Trennung Herrn McGills von seinem
Erbgut ersten Grades). "An meine geschätzten Kunden: Mein Sohn ist nicht
länger mein Sohn." Eine kritische, "vermenschlichte" Popart, die über das
bloße Anhimmeln der Konsumprodukte hinausgeht. Bis 9. Februar in der
Galerie Contact (Singerstraße 17): "Wabers Naturell." Die Natur hält bei
Linde Waber nicht still. Eh klar, sie ist hier ja kein domestizierter
Blumenstrauß in einer Vase. Vielmehr scheint es da um das Spiel bzw. den
Kampf der Kräfte in einem ziemlich verwilderten ("antiautoritär
erzogenen") Garten zu gehen. Und Waber ist mitten im Geschehen
(schnorchelt sozusagen mit Taucherbrille und Pinsel in der Botanik). Da
gibt es "Wachstumshandlungen" und Eroberungsfeldzüge, wo man etwa das
Gestrüpp über eine Treppe "herfallen" sieht. Kurz: Fast alles löst sich in
Dynamik auf. Mitreißend und auch von der Farbpalette her vollauf
befriedigend. Mit kaum einem Künstler tu ich mir so schwer wie mit dem
Jürgen Messensee. Einiges von ihm ärgert mich extremst (weil es mir wie
beliebiges Verteilen von Gekritzel vorkommt). Und dann gibt es Bilder, bei
denen mir meine Intuition sagt: "Wow!" Aber ich könnte nicht sagen warum.
Die "Infantin Maria Theresia" und seine "Nancy" fallen in diese
Wow-Kategorie. Keine Ahnung wieso. (Bis 16. Februar in der Galerie Lang,
Seilerstätte 16.)
Erschienen am: 18.01.2002 |
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