Jan Turnovsky, emigrierter Tscheche,
hatte seit den 70er Jahren vor allem als kreativer Denker, Theoretiker und
Lehrer an der TU Wien wesentlichen Einfluss auf viele jetzt aktive
Architekten. 1995 ist er freiwillig aus dem Leben geschieden.
Architekt ohne Bauwerk
Turnovsky hat zwar an mehreren Wettbewerben teilgenommen und am Anfang
seiner österreichischen Karriere auch in Architekturbüros gearbeitet -
aber ein ausgeführtes Projekt, das eindeutig ihm zugeordnet werden kann,
ist nicht bekannt.
Auf der Biennale werden Teile seines Nachlasses gezeigt, bestehend vor
allem aus Schriften und höchst originellen Zeichnungen zur Architektur.
Sein einziges veröffentlichtes Werk nennt sich "Die Poetik eines
Mauervorsprungs". Ein spannend zu lesender großer Essay, der rund um ein
kleines Detail im Wiener Haus Wittgenstein entwickelt wird.
Der betreffende Mauervorsprung findet sich in den Plänen, die der
Philosoph Ludwig Wittgenstein für die von ihm entworfene Villa in Wien
gezeichnet hat. Der Philosoph wollte ein vollkommen proportioniertes Haus
bauen, eine raumgewordene geistige Ordnung.
Haus Wittgenstein
Ein Gefüge reiner, klarer Geometrien sollte es im Fall von Wittgenstein
werden. So wollte er im Frühstückszimmer ein Fenster so in die Mitte einer
Wand setzen, dass sich von außen und von innen eine vollkommen
symmetrische Unterteilung ergibt. Das ging aufgrund eines Denkfehlers (!)
schief. So ergab sich zwingend ein Sprung in der Symmetrie. Den wollte der
Philosoph durch einen Mauervorsprung, den Mauervorsprung,
kaschieren.
Irritierendes Detail
An diesem Baudetail setzt Turnovsky anschaulich ein Grundproblem, ein
Urdilemma der Architektur auseinander: Die praktischen Erfordernisse der
Materie, mit der man baut, verhindern immer die perfekte Umsetzung eines
idealen Konzepts. Anhand des Mauervorsprungs erklärt Turnovsky dann in
vielen Aspekten, wie dreidimensionale Form im Kopf entsteht und wie sie
wahrnehmungspsychologisch wirkt..
Poetik des Mauervorsprungs
Der nicht einmal hundertseitige Text "Die Poetik eines Mauervorsprungs"
hat aber noch viel mehr Facetten - man hat beim Lesen dauernd
Aha-Erlebnisse. Architektur wird in Relation zur Dichtung, also zur
Sprache gesetzt - der Autor zitiert zum Beispiel Umberto Eco und Novalis,
fragt nach, wie sich bei der Wahrnehmung von Kunst Sinneseindrücke mit
deren rationaler Verarbeitung mischen, erklärt, wodurch ein Objekt sich
überhaupt als Kunst zu erkennen gibt, oder wie der Begriff des Poetischen
für die Künstler der klassischen Moderne den gesamten Alltag durchdringen
konnte. Ein Netzwerk von oft verblüffenden Gedankenexperimenten wird
aufgebaut. Turnovsky hat sich auch nicht gescheut, Ikonen des modernen
Denkens infrage zu stellen, wie Wittgensteins Frühphilosophie im
"Tractatus logico-philosophicus".
Seine Schüler
Der charisamtische Denker Turnovsky hatte großen Einfluss auf das Bauen
in Österreich; denn an der technischen Universität Wien haben viele heute
wichtige Architekten wie etwa Andras Palffy seine Vorlesungen, zum
Beispiel "Elemente und Syntax des Wohnbaus" besucht.
Wettbewerbe
Bei großen Architekturwettbewerbe ist Turnovsky durch seine mehr als
unorthodoxen Einreichungen aufgefallen. So hat er für das Museumsquartier
einen verglasten Bau vorgeschlagen, der vor der Fischer-von Erlach-Anlage
stehen sollte, erinnert sich Sigrid Hauser, Professorin für
Architekturtheorie an der TU.
Tipp:
Das Buch "Die Poetik eines Mauervorspungs" ist in der Reihe bauwelt
Fundamente im Viehweg-Verlag 1999 neu aufgelegt worden.