Picassos unterschlagene Verwandtschaft

Picasso hatte Verwandte auf Kuba! Sein Großvater gründete auf der Karibikinsel eine zweite Familie.
Von Hubert Kahl (dpa)


Ob Pablo Picasso wohl wusste, dass er auf Kuba Verwandte hatte? Den Biografen des großen spanischen Malers (1881-1973) war dies jedenfalls bis vor kurzem nicht bekannt. Über viele Jahrzehnte hatte die Familie des Künstlers das Geheimnis der "schwarzen Picassos" gehütet, nun ist es gelüftet worden.

Francisco Picasso y Guardeno, der Großvater mütterlicherseits des Malers, hatte seine Frau und seine vier Kinder - darunter die Mutter des Künstlers - 1867 in Spanien verlassen und war nach Kuba emigriert. Dort gründete er mit einer freigelassenen, schwarzen Sklavin namens Cristina Serra eine neue Familie und zeugte weitere vier Kinder.

Mysterium Großvater

Die Picasso-Experten hatten sich bereits gewundert, dass man über diesen Grossvater so gut wie nichts wusste. Dabei war das Leben des Künstlers und seiner Familie in Hunderten von Studien bis ins kleinste Detail erforscht und beschrieben worden. Nur der Großvater Francisco "blieb ein einziges Mysterium", wie der Biograf John Richardson feststellte.

Den Anstoß zur Aufdeckung des Geheimnisses gab der spanische Autor und Forscher Rafael Inglada. Mit Hilfe des Telefonbuchs nahm er in Kuba Kontakt mit Leuten auf, die den Nachnamen Picasso tragen. Dieser Name ist im spanischen Sprachraum höchst ungewöhnlich; denn im Spanischen gibt es normalerweise kein doppeltes "s".

Verblüffende Ähnlichkeit

Die kubanische Fernsehjournalistin Julia Mirabal kam in einem Dokumentarfilm zu dem Ergebnis, dass bei 41 "schwarzen Picassos" auf der Karibikinsel die Verwandtschaft mit dem Künstler erwiesen sei. Davon seien 31 noch am Leben, heißt es in dem Film.

Der Streifen wurde jetzt auf einem Filmfestival in Picassos Heimatstadt Malaga in Südspanien erstmals in Europa vorgeführt. Er zeigt, dass einige der Nachfahren des Picasso-Großvaters - abgesehen von der schwarzen Hautfarbe - eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Künstler hatten, gerade bei markanten Merkmalen wie der großen Nase oder dem scharfen Blick.

Nur eine Künstlerin unter den Picassos

Einer der kubanischen Urenkel von Francisco Picasso y Guardeno, Ramon Picasso, besuchte anlässlich der Vorführung des Films die Geburtsstadt seines berühmten Verwandten. "Ich habe, ehrlich gesagt, bislang wenig über den großen Künstler gewusst. Aber jetzt ist mein Interesse natürlich groß", sagte der 43-Jährige, der als Röntgenarzt in Havanna arbeitet.

Abgesehen vom Namen und dem Äußeren haben die Picasso-Verwandten in Kuba wenig mit dem Künstler gemein. Sie arbeiten als Schuhmacher, Konstrukteure, Schneider, Musiker oder Ärzte. Nur eine von ihnen, Gloria Molina Picasso, verspürte eine Neigung zur Kunst und wurde Designerin.

Der 78-jährige Luis Picasso Granados sagt in dem Dokumentarfilm: "Die europäische Picasso-Familie kann stolz auf uns sein. Wir waren immer eine ehrenhafte und anständige Familie."

"Schandfleck" Kuba

Der nach Kuba ausgewanderte Großvater Picassos kehrte nie mehr nach Spanien zurück. Er arbeitete in Havanna für die Zollverwaltung und starb 1888, sieben Jahre nach der Geburt des Künstlers. Der berühmte Enkel lernte seinen Grossvater nie kennen. Er meldete sich auch nie bei seinen Verwandten in Kuba.

"Ich bin sicher, dass Picasso und seine Familie von der Existenz ihrer schwarzen Cousins wussten, aber sie haben sie stets verheimlicht", sagte die Filmautorin Mirabal der Zeitung "La Vanguardia". "Die Picasso-Familie sah in den kubanischen Verwandten einen 'Schandflecken' und wollte nicht, dass man davon erfuhr."

Picasso war auch Bildhauer

Eine weitere Tatsache rund um Picasso, die noch bis vor wenigen Jahren nur Insidern bekannt war, wird dieser Tage in Paris wieder eindrucksvoll ins Licht gerückt: Unter dem Titel "Picasso, der Bildhauer" zeigt das Centre Pompidou den großen Spanier als einen der bedeutendsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Es werden 300 Skulpturen des Künstlers gezeigt.

In einem Interview mit der Tageszeitung Le Figaro sagte Werner Spies, der sich mit er am 8. Juni beginnenden Ausstellung von Paris verabschiedet: "Picasso heute als Bildhauer zu zeigen, verspricht Schockreaktionen. Seine Skulpturen waren das am besten gehütete Geheimnis des 20. Jahrhunderts." Die Ausstellung greift auf die 1994 in der Tate Gallery gezeigte Schau "Picasso, Bildhauer und Maler" zurück, die den Spanier als Gründungsvater der zeitgenössischen Skulptur darstellte.

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