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Sabine B. Vogel Der Haupteingang ist um die Ecke verlegt, der Schriftzug ‹Österreich› durch ‹Entrada› ersetzt. Über Bretter gelangt man durch das überschwemmte Gelände auf die Rückseite des Pavillons. Wo vor zwei Jahren Hohenbüchlers Mutter-Kind-Haus stand, ist jetzt ein Tümpel. In einem Nebenraum erinnern vergessenes Gerümpel und Schriftreste auf den Wänden an die letzte Architekturbiennale – Gelatin hat den Österreich-Pavillon in Venedig nach Jahren politisierter Kunstbeiträge in ein schlammiges Sumpfland verwandelt.
Wir arbeiten sehr lustbetont

Zur Künstlergruppe Gelatin

links: Gondola (Venedig), 2001, die Künstler auf einer Gondelfahrt
rechts: Weltwunder, 2000, Projektskizze; alle Fotos: Courtesy Meyer Kainer, Wien

Die Künstlergruppe Gelatin (Wolfgang Ganter, Ali Janka, Florian Reither, Tobias Urban) ist ab November für sechs Monate Gast der Schlesinger Stiftung im Kanton Appenzell. Eine Ausstellung in der Kunsthalle St. Gallen folgt vom 26.1. bis 24.3. und eine weitere Präsentation ist in der Galerie Ars Futura, Zürich, vom 11.1. bis 28.3. zu sehen.

Dieses Bild ist derartig kräftig, dass viele Assoziationen und Interpretationen möglich sind, vom Bezug auf den Nationalstatus der Pavillons bis zu eher poetischen Anspielungen auf das überflutete Venedig im Herbst, auf die romantisierende Sehnsucht nach einer sich selbst überlassenen Stätte, oder auf die Entscheidung, sich ein eigenes, unverkennbares Territorium zu bauen. Eine
Eingrenzung zum Verständnis von Gelatins Biennale-Beitrag bietet der Titel: ‹Osmose›. Osmose? Von Gelatin als ‹Einswerden› übersetzt, bezieht sich der Titel zunächst vor allem auf die weissbemalten Menschen, die verteilt über das Giardini-Gelände an Wände gelehnt oder in Ecken stehen und durch ihre Ganzkörperbemalung eins werden mit ihrer Umgebung. Mit natürlicher Tarnung versehen liefen übrigens auch zehn kleine Schildkröten in dem Sumpf herum, manchmal versteckt, manchmal kurz auftauchend, vielleicht schon längst entwischt.

Die bemalten Körper und der Sumpf treffen sich in dem Titel, der zugleich Bezugspunkt und Wunsch nennt: ohne grosses Aufsehen fliessen zwei Elemente ineinander, findet ein pausenloser Prozess der Vereinigung statt, der als beeindruckendes Bild den österreichischen Pavillon an das Gelände und umgekehrt bindet.

Nichts war zu sehen Nur eine Menschentraube stand zusammen. Zwischen der Überdosis Multimedia und Meganomanie auf der Expo 2000 in Hannover wartete unauffällig auf einer Wiese eine minimalistische Überraschung: ein schlichtes Wasserbecken. ‹Weltwunder› nannte die österreichische Künstlergruppe ‹Gelatin› ihren Beitrag zur ExpoAusstellung ‹In Between›: Wer den Sprung in das 5,20 Meter tiefe Wasserloch wagte, konnte eine ungeahnte Erfahrung erleben. Unter Wasser tat sich eine luftgefüllte Kuppel auf, etwas Spezielles war dort jedoch nicht zu sehen. Das Erlebnis bestand nicht im Konsumieren einer inszenierten Attraktion, sondern in der – ähnlich der italienischen ‹Osmose› – auf sich selbst verweisenden Aktion.

Appellieren an Sehnsüchte Das Evozieren von Abenteuer, von Unmittelbarkeit, Intensität oder emotionalem Ausnahmezustand – häufig verbunden mit einer Herausforderung an die BetrachterInnen zum Teilnehmen, ist typisch für die Arbeitsweise von Gelatin. Seit fünf Jahren arbeiten Wolfgang Ganter, Politikwissenschaftler, Florian Reither, Diplomingenieur, Ali Janka und Tobias Urban, die beide Kunst studierten, unter dem Label ‹Gelatin› zusammen. Auf die Frage nach der Herkunft des Namens geben sie gleich mehrere Antworten, beispielsweise:
Es handle sich um die Zusammensetzung der Vornamen ihrer PartnerInnen oder um die Verdrehung von ‹genital› – was durchaus verständlich scheint in Anbetracht ihrer grossformatigen Fotografien, auf denen sie mitten in schönster Landschaft stolz mit eregiertem Glied für die Kamera posieren. Tatsächlich entstanden aber weder der Name noch die Gruppierung programmatisch: ‹Wir haben nie beschlossen, als Künstlergruppe zu arbeiten. Wir haben auch nie einen Namen beschlossen, der ist zufällig hängen geblieben› – seit ihrer Performance im Winter auf einer Wiener Einkaufsstrasse, als sie in einer riesigen Luftblase in Silberhöschen tanzten. Seither treten sie mit Performances in Musikclubs auf, konzipieren kurze Videos als ‹visuals› für Clubs, werden von Theaterfestivals eingeladen, erhalten Kunst am Bau-Aufträge oder installieren ihre Multiwerke in Kunstausstellungen.

So verschieden die Anlässe sind So verschieden ihre Beiträge scheinen, so ziehen sich doch einige gemeinsame Nenner durch Gelatins Gruppenarbeiten: die selbstgebastelten Objekte und Konstruktionen aus einfachen, meist gefundenen Materialien, die Herausforderung an die Betrachter zum aktiven Erlebnis und die Selbstinszenierungen der Vier, gerne nackt und lustig. Gerade der letzte Aspekt führt oft zur Etikettierung als ‹boys group› oder ‹Spassfraktion›. Die Bezeichnungen leiten allerdings in die Irre. Als ‹Boys group› werden nur jene Bands bezeichnet, die keine eigenen Songs komponieren und texten. ‹Spassfraktion› klingt nach Selbstzweck. Beides trifft nicht zu. Sicherlich gehört ‹Gelatin› nicht in die Kategorie theoretisierender Untersuchungsausschüsse, welche die neunziger Jahre prägten. ‹Wir arbeiten sehr lustbetont›, erklären sie. Lust ist das Stichwort ihrer Arbeit – Lust an der Selbstinszenierung, Lust während des Entstehungsprozesses, Lust als Angebot für die BetrachterInnen. Diese Lust ist allerdings nur ein Vehikel, um die Attraktivität des Einstiegs zu erhöhen. Was folgt, geht oft an die Substanz.

‹Buttik Transportør› nannten Gelatin ihre Ausstellung in der Wiener Galerie Meyer Kainer. Der Titel, so erklären sie, sei die norwegische Übersetzung eines html-Übersetzungsprogramms für ‹Liftshop›. Dort präsentierten sie in einer wilden, sechs Meter hohen Konstruktion aus gefundenen Holzstücken und alten Schränken ihre Waren: Kleidung, Zeichnungen, Kataloge, Videos, jene Eier, mit denen sie während ihrer Performance am ‹Wahlverwandtschaften›-Abend der ‹Wiener Festwochen›, 1999, als Hühner gekleidet das Publikum bewarfen, den ‹Human Elevator› und die ‹Hugbox› als Legomodelle und diese eigenartigen, in beleuchtete Einmachgläser eingelegten Stofftiere. Das Angebot verteilte sich auf drei Etagen mit Zwischengeschoss und Balkon. Drei offene Kabinen waren mit der einfachen Mechanik eines Seilhebezugs ausgestattet. Per anhaltendem Knopfdruck gelangte man so in den Turm. Die Reise durch die Boutique war faszinierend. Die Aufmerksamkeit wechselte zwischen den spielerischen Objekten und der abenteuerlichen Konstruktion hin und her, zwischen ‹Gelatins› Weltentwürfen im Modellstadium und der raumfüllenden Ausführung, zwischen dem Mikrokosmos der Objekte und der Metaebene des Kontextbezuges. Denn dass Gelatin die Galerie unmissverständlich über den kommerziellen Aspekt bestimmte, war nicht zu übersehen. Allerdings legitimierte die Künstlergruppe ihren Auftritt nicht mit der altbekannten ‹institutionell critic›, sondern nutzte den Verkaufsraum zur demonstrativen Miniretrospektive. Und die gibt nicht nur Auskunft über fünf Jahre Gelatin-Projekte, sondern manifestiert auch deutlich: Lust und Humor sind nicht Selbstzweck, sondern entscheidende Faktoren auf ihrem Weg der komplexen, bildlichen Wortwörtlichkeiten und der körperbezogenen Wunscherfüllungen.

Auf die Frage, wie sie ‹Buttik Transportør› kategorisieren, ob Skulptur, Objekt oder Installation, antworteten sie schlicht: ‹Boutique› – eben eine bildliche Wortwörtlichkeit. So wie auch die ‹Osmose› in Venedig oder auch ihr Beitrag für
die Kinderstation im Krankenhaus Meran, wo sie einen beeindruckenden Miniatur-Operationssaal mit Stofftieren als Patienten entwarfen. In ‹Operation Lila›, 1999, können sich die Kinder als Ärzte verkleiden und ihre Ängste spielerisch bewältigen. In die Kategorie ‹Wunscherfüllungen› gehört ihr ‹Schlammloch›, 2000. In Diendorf, Österreich, gruben sie ein tiefes Loch in den winterlich gefrorenen Boden, bauten eine Metalltonne als Ofen um und füllten das Loch mit heissem Wasser, so dass die Erde zum warmen Schlamm wurde. Das ‹Schlammloch› erfüllt die ‹Sehnsucht nach einem heissen Schlammbad›. In Los Angeles entwarfen sie den ‹Human Elevator›, 1999: 13 Bodybuilder fungierten als menschlicher Aufzug, reichten mutige BesucherInnen innerhalb von 5 Sekunden von einer Hand in die nächste vorsichtig und schnell auf das Dach eines Hauses in zehn Meter Höhe. In Liverpool bauten sie die aufwändige ‹Hugbox›, 1999: Zwei aufrecht stehende, mit vielen Matratzen bedeckte Holzbetten warteten auf experimentierfreudige BesucherInnen, die sich in diese Konstruktion hineinstellten und die Flächen per Knopfdruck in Bewegung versetzten. Es ist eine Maschine zum ‹Gedrücktwerden›: Erst ist alles beklemmend und auch beängstigend, aber ‹danach fühlt man sich wie neu und geliebt und sehr sehr froh und sexuell stimuliert und geborgen und man spürt seinen Körper an allen Stellen gleichzeitig, aber dann doch nicht, weil man schwebt› (Gelatin).

Der eigene Körper Das Spüren des eigenen Körpers gehört zu den zentralen Sehnsüchten, die Gelatins Werke zu erzeugen suchen. Daher war es absolut folgerichtig, in Hannover nicht mit Disney-Überraschungen in der Tiefe des Wasserbeckens aufzuwarten, sondern die Taucher mit ihrer eigenen Erlebnisfähigkeit zu konfrontieren. Darin steckt auch eine idealistische, romantisierende Weltsicht, aus der heraus sich Gelatin auch eine ‹Osmose› in Venedig wünschen kann. Eine Weltsicht, in der es ebenso folgerichtig erscheint, dass die Konstruktionen auf billigem, vorgefundenem Material entstehen, denn nicht das Womit, sondern das Wachstum zählt. Zwar betonen die Vier das die Materialien bisher keine inhaltliche, sondern eine pragmatische Entscheidung seien. Auf die Gegenfrage, wie sie mit einem sehr hohen Budget, beispielsweise für ‹Buttik Transporter›, umgehen würden, kam die Antwort: ‹Ich kann mir schon vorstellen, einen original Biedermeierschrank zu kaufen, den man durchsägt...›

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Ausgabe: 11 / 2001
Ausstellung: Biennale (10.06.2001 - 04.11.2001)
Institution: La Biennale di Venezia (Venezia)
Autor/in: Sabine B. Vogel
Künstler/in: Gelatin

 

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