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Kunsthistorisches Museum im Palais Harrach: Erich Lessing - Vom Festhalten der Zeit

Wie objektiv ist das Objektiv?

Von Claudia Aigner

Debattieren Sie mit!Auch Bundespräsidenten sind manchmal einfach nur Passanten, die brav abwarten, bis die Straßenbahn vorübergefahren ist, damit sie endlich die Ringstraße überqueren können. Als Adolf Schärf, quasi ein notorischer Fußgänger, wieder einmal ganz volks- und verkehrsnah unterwegs war, nämlich wie jeden Arbeitstag von seiner Wohnung in der Josefstadt zur Hofburg spazierte, hat ihn Erich Lessing dabei ertappt (beim "unstaatsmännischen" Zu-Fuß-Gehen). Lessing hat eben ein Auge fürs Menschlich-Allzumenschliche. Sogar bei Politikern.
"Erich Lessing - Vom Festhalten der Zeit. Reportage-Fotografie 1948 - 1973": Noch bis 13. Oktober widmet das Kunsthistorische Museum im Palais Harrach dem Mitglied Nummer 10 der Fotoagentur Magnum eine stattliche Ausstellung. Soll heißen: Eineinhalb Stunden sollte man sich schon Zeit nehmen. Denn Lessing hat sie alle fotografiert: die Hochpolitischen und die Straßenkehrer, die Demel-Torten-Jausner und die Würschtel-mit-Senf-Esser, die Spatzenfütterer auf den Heldengräbern der gefallenen Russen, die Opernballbesucher, Flüchtlinge aus Ostberlin, Herbert von Karajan, die Grubenarbeiter (die er so lange fotografiert hat, bis er selbst ganz schwarz im Gesicht war, vor lauter Kohlenstaub) und die sehnsuchtsvollen, ärmlich aussehenden Auslagenschauer, die also den bargeldlosen Zahlungsverkehr praktizieren, den die Engländer "Windowshopping" nennen (Schaufenster - eine Form von perverser Grausamkeit). Und wer kennt nicht Lessings de Gaulle von oben, aus der "Spuckerperspektive"? ("Ich wollte das so und ich habe gewusst, er muss kommen.")
Sogar Moby Dick hat bei ihm angebissen, auf dem noch immer Kapitän Ahab festgeschnallt war. Lessing, der in einem Kibbuz zwischenzeitlich Karpfen- und Forellenzüchter gewesen ist, war ja irgendwie vom Fach. Ahab hat nun aber nicht fließend Anglerlatein gesprochen, sondern Englisch, denn es war Gregory Peck während der Dreharbeiten zum bekannten Fisch-Film. Und Moby? Eine desillusionierende Schwarte mit einem klapprigen Gerüst dahinter, die durchs Meer gezogen worden ist.
Konrad Adenauer: Der hatte natürlich nicht die Pheromone einer Kuhflade, auch wenn sich die Fotografen und Wochenschau-Kameraleute auf ihn gestürzt haben wie die Schmeißfliegen auf die, populärbiologisch gesprochen: "stengellose Kuhfladia". Lessing schien seine Flade aber ganz gern "mit Gefolge" gehabt zu haben, wie er ja überhaupt seine Kollegen von der blitzenden und flitzenden Zunft immer wieder mit unübersehbarem Genuss fotografiert hat. Etwa wenn sie sich wie die Hendln auf einer Leiter drängen, das Objektiv im Anschlag, um im richtigen, im historischen Augenblick loszuballern - auf die Teilnehmer der Gipfelkonferenz in Paris im Jahre 1960. Denn diesmal hatte die Weltgeschichte vorher einen Termin ausgemacht, die Pressefotografen waren schon bestellt und das Volk für den Straßenrand. Aber Genosse Chruschtschow hat sie alle versetzt (aus Wut über einen Spionageflug der Amerikaner).
Eindrucksvoll cholerisch: Chruschtschow bei seiner Brandrede gegen den Westen. Eine Leistungsschau seiner Adrenalinproduktion und geballten Faust. Und in einem französischen Dorf sah Lessing den obersten Russen nach der geplatzten Konferenz rein freundschaftlich (bzw. folkloristisch rustikal) eine Axt schwingen. Eigentlich eh eine Promenadenmischung zwischen Hammer und Sichel, nämlich sowohl schlagfertig als auch verdammt schnittig.

Kommunistischer Osten, das Spezialgebiet Erich Lessings

Apropos Genossen. Der kommunistische Osten war ein Spezialgebiet des 1923 in Wien geborenen und 1939 vor den Nazis nach Palästina geflüchteten Erich Lessing, der seit 1947 wieder in Österreich ist, aber sich in den Sechzigerjahren langsam aus der Reportagefotografie zurückgezogen hat und jetzt lieber Bildbände veröffentlicht. Und Lessing ("Auch das Objektiv der Kamera ist nicht objektiv") scheint ein Meister darin zu sein, geduldig zu warten, bis sich die Realität so gruppiert, dass alles "passt" und die Wirklichkeit ganz besonders aussagekräftig ist. (Und nicht ausgerechnet in dem Moment den Film zu wechseln, in dem gerade "alles" geschieht.)
Auf einer polnischen Hausfassade fahren heroische Bauern, Helden der Feldarbeit, wonnetrunken mit dem Traktor ihrem Tagwerk entgegen (im Stil des sozialistischen Realismus), während sich drunten auf dem "Boden der Tatsachen" eine bloßfüßige Bäuerin mit zwei Wasserkübeln abschleppt und in diesem Jahr (1956) wahrscheinlich nicht ihr Plansoll an Glückseligkeit erfüllen wird. Und in der DDR hat Lessing charmant boshaft genau dann abgedrückt, als Ausflügler aus dem Kindergarten an einem "schmissigen" Propagandaplakat vorbeimarschiert sind: "Vorwärts unter der Führung der Arbeiterklasse zur Erfüllung des Siebenjahrplanes!" Die kleinen Knirpse haben dem Marschbefehl wohl Folge geleistet und werden jetzt vielleicht entschlossen den Siebenjahresbedarf des Arbeiter- und Bauernstaates an Daumenlutschen und "Sandkuchenbacken im Sandkasten" erfüllen.
Auch im Westen war Lessing gewissermaßen ein treffsicheres "Trüffelschwein", das zum Beispiel bei einer Gefechtsübung, wo die Erwachsenen verbissen-seriös Krieg spielen, den einen kleinen Buben erschnüffelt, der die ganze gewichtige Show ein wenig relativiert, nämlich mittendrin wie ein neugieriges Erdmännchen herauslugt, in dessen Revier merkwürdige Männer herumrobben, die sich auf dem Kopf als struppige Savanne getarnt haben. Mögliche Nebenwirkung dieses Fotos: unbändiges Verlangen nach Schmunzeln.

Fotoreportagen über die Ungarische Revolution 1956

Bekannt wurde Lessing aber durch seine eindringlichen Reportagen über die Ungarische Revolution 1956. Unvergessliche Bilder. Ein gelynchter AVO-Polizist, tote Sowjetsoldaten auf den Straßen oder Stalin, der in Budapest aus seinen Stiefeln gekippt wurde, die mit ihrem peinlichen Riesenwuchs einsam auf dem Sockel zurückgeblieben sind.
Und da Fehlleistungen von Freudschen Ausmaßen auf ihre Weise ja immer eine tiefere Wahrheit enthalten, kann ich Folgendes einfach nicht für mich behalten. Beim Versuch, die Ausstellung mithilfe des Katalogs zu rekapitulieren, stieß ich auf eine merkwürdig makabre Szene. Ein Totenschädel in einer Vitrine und eine besinnlich apathische Frau in einträchtigem Schweigen nebeneinander. Titel: "Der Psychoanalytiker Hans Strotzka und eine Patientin." Hä? Also die Patientin ist entweder eine Autistin, der's eh wurscht ist, dachte ich mir, oder schon pathologisch optimistisch, wenn sie sich einem Therapeuten anvertraut, dem sein Ich, Es und Über-Ich längst rettungslos verwest sind. Bis mir klar wurde, dass ich bloß zwei Bild-
unterschriften verwechselt hatte und die vermeintliche Optimistin richtigerweise die Archivarin der Gesellschaft der Musikfreunde ist. Neben Haydns Schädel. Aber zur eigentlichen therapeutischen Sitzung daneben besteht seltsamerweise kein grundsätzlicher Unterschied.

Erschienen am: 17.09.2002

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