Artikel aus profil Nr. 02/2003
Die Kulturmaschine

Mit viel buntem Klimbim, neuen Bühnenstücken und tollkühnen Bauprojekten wird die europäische Kulturhauptstadt Graz 2003 eröffnet. Hält das Programm, was Intendant Wolfgang Lorenz so vehement verspricht?
Schließlich zwang die Größe der Ereignisse selbst die Scharfmacher der Nation in die Knie. Da hatte man routiniert den Vorwurf der „Geldverschwendung“ in die Debatte geschleudert, hatte sich mit rotem Kopf das Herumflicken an den Säulen und Heiligen der Stadtgeschichte noch vor einem halben Jahr bitter verbeten – je nach Gemütslage als „Blasphemie“ oder „einseitige Darstellung unserer Stadt zur Zeit des Nationalsozialismus“. Doch jetzt? Jetzt herrscht in Graz die unheimliche Stille der Harmonie.

Der Schattenturm aus schwarzem Holz, der neben dem Uhrturm errichtet wird? „Als man merkte, dass es nicht nur darum geht, den Grazern die Schatten ihrer Vergangenheit vorzuwerfen, war das okay“, gibt sich die FPÖ-Stadträtin Maxie Uray-Frick im Namen ihrer Partei konziliant. Der gläserne Lift neben der Mariensäule, der den Grazern eine Himmelfahrt bescheren soll? „Der Künstler hat sich dabei etwas gedacht“, bescheidet Uray-Frick Kritikern nunmehr knapp.

Schöne Zahlen

Graz, mit 230.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Republik, ist ab 9. Jänner Kulturhauptstadt Europas. So will es der von der EU-Kommission jährlich an eine oder mehrere europäische Städte verliehene Titel, und der Titel verpflichtet. Bestsellerautor Henning Mankell spendiert zur Eröffnung ein neues Stück, Beat Furrers Neuvertonung des Orpheus-Stoffes wird zur szenischen Uraufführung gebracht, TV-Grazie Desirée Nosbusch moderiert die Eröffnungsgala auf 3sat live. 103 Projekte fährt Graz im Festjahr auf oder, wie Intendant Wolfgang Lorenz kalkuliert: durchschnittlich 0,39 Projekte täglich für die Zeit zwischen 9. Jänner und 30. November. Prognostizierter Erfolg, so scheint es, lässt sich am schönsten in Zahlen formulieren.

Wer laut einer Studie von Joanneum Research mit einer zusätzlichen Wertschöpfung von rund fünf Millionen Euro und tausend neuen Arbeitsplätzen rechnen darf, wird seine Laune nicht vom Gelingen noch ausständiger Premieren abhängig machen: „Das Programm ist anspruchsvoll“, freut sich ÖVP-Kulturlandesrat Gerhard Hirschmann und greift zum Pluralis Majestatis: „Wir wollen das jetzt nicht kritisieren.“ Der Luft-Discounter Ryan Air fliegt dank Kulturjahr täglich von Graz nach London, erstmals scheint die Barockstadt auch in den Städtereisekatalogen von Tui und Touropa auf, 36 zusätzliche Kongresse werden veranstaltet.

Trauma

Bahnhof, Flugplatz, Innenstadt – überall wurde und wird fieberhaft gebaut. Und verschönert, als ob dies in Graz, seit kurzem „Gartenstadt“ und Unesco-Weltkulturerbe, überhaupt noch möglich wäre. Mit einem Werbebudget von kolportierten 14 Millionen Euro (Gesamtbudget: 43 Millionen Euro) und Architektur-Wagnissen trägt die Stadt ihr ältestes Trauma ab: „Dieses zum Hof hin bückende, leicht defätistische Gefühl der Unterlegenheit gegenüber Wien“, wie Lorenz formuliert. So bräuchte „das eigentliche Programm der Kulturhauptstadt“ selbst in den Augen des Intendanten „fast nicht mehr stattzufinden“. „Die Hauptleistung“ sei nämlich „schon erbracht“: „Die Köpfe denken um.“ Die Kulturhauptstadt als Psychotherapie.

Dabei ist der Grazer Supermarkt hervorragend bestückt. Olga Neuwirth, der bunte Vogel unter den jungen Komponisten, wagt sich an die Vertonung von David Lynchs erratischem Meisterwerk „Lost Highway“, Dirigenten-Zeus Pierre Boulez reist mit Klassikern der Musikgeschichte an, Bestsellerautor Wolf Haas verlegt seinen nächsten Brenner-Krimi nach Graz. Man mutet den braven Bürgern ein Sacher-Masoch-Festival zu und zog mit der Ankündigung, die Fußball-Weltmeisterschaft für Obdachlose nach Graz zu holen, die natürliche Feindschaft der FPÖ-nahen Bürgerwehr auf sich.

Nasszellen

Doch bei allem Respekt: Warum muss das Wiener Kunsthistorische Museum in Graz mit einer Ausstellung über den Turmbau zu Babel vertreten sein? Was, um Himmels willen, hat eine große Auto-Show mit Kultur zu tun? War der Titel Kulturhauptstadt Europas nötig, um Grazer Substandardwohnungen mit Bad und Innenklo auszustatten und zu allem Aufwand einen Satz Fliesen mit dem Logo von Graz 2003 an die Toilettenwände zu kleben?

Graz 2003 betreibt auch Etikettenschwindel. „Wie seine Vorgänger präsentiert sich Graz als Kulturhauptstadt vorwiegend im eigenen Land. Das ist gut. Europäisch ist es nicht. Denn der Titel Kulturhauptstadt strahlt nicht nach Europa aus, sondern hat die Funktion, bestimmte Projekte in einer Stadt durchzusetzen“, urteilt der Wiener Kulturwissenschafter Wolfgang Müller-Funk und will das nicht ausschließlich negativ verstanden wissen. Denn Graz daraus einen Strick zu drehen, dass es sich dank der „einjährigen Sondermesse“ (Kulturlandesrat Gerhard Hirschmann) endlich zur Realisierung des jahrzehntelang umkämpften Kulturhauses und dem überfälligen Bau eines Literaturhauses durchringen konnte, wäre nur dann nicht vollends lächerlich, wenn man erwarten würde, dass die Heimstadt von Arnold Schwarzenegger nun Paris und London an die Wand spielen würde.

Das Programm von Graz 2003 ist künstlerisch ebenso maßlos wie angepasst, starverliebt und off-interessiert, mainstreamtauglich und riskant zugleich. Auch mag stimmen, dass „Wolfgang Lorenz einen eigenen Kulturbegriff geschaffen hat und sich vom repräsentativen Charakter von Kultur abwendet“, wie Peter Oswald, der Leiter des Avantgardefestivals steirischer herbst, analysiert. Der naturgegebenen Künstlichkeit des Kulturhauptstadt-Gedankens aber fallen auch die Grazer zum Opfer: Das Programm ist gut organisiert. Organisch gewachsen ist es nicht.

Hier verkündete Peter Handke im forum stadtpark großspurig, dass er dazu berufen sei, die deutsche Literatur zu erneuern. Hier richteten Wolfgang Bauer, Gerhard Roth, Alfred Kolleritsch & Co in den Roaring Sixties genüsslich Literaturskandale aus: Graz galt als Genie-Eck des europäischen Kontinents. Doch davon will Wolfgang Lorenz nicht mehr viel wissen: „Wenn wir heute nicht die nächste Vergangenheit inszenieren, bauen und etablieren, wird Graz irgendwann eine kleine, abgekapselte Stadt in Europa sein“, konstatiert der Intendant trocken. „Die Avantgarde des forum stadtpark ist vorbei. Diese Geschichte ist gegessen.“

Harmonie

Lorenz könnte mit seiner Diagnose Recht behalten. Sogar Wolfgang Bauer, der verlässliche Grazer Haudrauf, reagiert auf den Partezettel bloß mit einem Schulterzucken. „Ich betrachte die ganze Veranstaltung mit Gleichmut. Das ist alles gut und schön“, säuselt der Stücke-Autor und ringt sich angesichts der Weigerung, die angegrauten Recken der Avantgarde ins Programm zu rücken, gerade noch einen Einzeiler ab: „Die Macher von Graz 2003 haben Angst, provinziell zu sein – und das ist genau das Provinzielle an der Sache.“ Mit Verlaub: Bauers frühere Attacken sahen anders aus.

Wenn Hollywood-Emigrant Arnold Schwarzenegger am 11. Jänner bei der offiziellen Eröffnung in der Grazer Oper „Zeugnis“ über seine Heimatstadt ablegen wird, wenn sich der Starautor Henning Mankell und Spitzendirigent Valery Gergiev höchstselbst die Ehre geben werden – dann soll keine Dissonanz das ungetrübte Glück stören. Graz 2003 wird, sowieso, ein rauschender Erfolg: „Die Stadt wird durch das Kulturhauptstadtjahr in eine neue Qualitätskategorie kommen“, jubelt SPÖ-Bürgermeister Alfred Stingl. „Sie wird langfristig im Wettbewerb der europäischen Städte einen großen Sprung nach vorne machen.“

Und damit auch unter Garantie nichts schief geht, ging man lieber auf Nummer sicher, wie der Grazer Autor Günter Eichberger in seinem gerade erschienenen Buch „Aller Laster Anfang“ verrät: „Wer ein Projekt mit ‚2003‘ durchführt“, informiert der Literat in spitzer Ironie, „ist vertraglich verpflichtet, sich der Kritik an dem Jahresfestival zu enthalten.“

Autor: Wolfgang Paterno und Peter Schneeberger


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