Martin Behr
KASSEL (SN). Kassel blüht. Zwar noch nicht dort, wo es sein soll (Kunst-Mohn), aber auf den "documenta"-Plakaten dominiert blumige Buntheit. Und auch die Wände der Kunst blühen auf: eierschalengelb, türkisgrün, violettrosa, chinatempelrot.
Roger M. Buergel, Hausherr im "Museum der 100 Tage", mag den im Kunstbetrieb üblichen "white cube" nicht. Den Werken tut der Mut zur Farbe gut (siehe oberes Bild rechts). Der von Buergel und seiner Kuratorin (und Lebensgefährtin) Ruth Noack entworfene Parcours überrascht aber auch durch Bescheidenheit und Ruhe in der Konzeption, durch bislang auch der Fachwelt unbekannte Namen und intelligente Kombinationen von Künstlern, Werken und Epochen, durch selbstverständliche, nicht krampfhafte Integration der Nicht-West-Kunst. Geboten wird Ideenkunst statt Blockbuster-Mentalität.
Es gibt kein großsprecherisches Allerweltsthema, wenig Begegnungen mit weithin bekannten Namen aus dem von Biennale, Messe und Event bekannten Weltkunst-Zirkus, kein offensichtliches Diktat von mächtigen Galerien und vom Kommerz. Die "documenta 12" von Buergel und Noack stellt vielmehr das in den Mittelpunkt, was zuletzt mitunter beeinträchtigt war: Das Erlebnis, Kunst betrachten, genießen, verstehen (oder auch nicht) zu können, über - in miteinander in Dialog gesetzte - Werke zu sprechen, zu staunen, zu streiten. Eine gigantische Weltkunstschau ist die "documenta" mit mehr als 500 Arbeiten von über 113 Kunstschaffenden dennoch; dass es der Schau aber gelingt, Momente der Intimität, der epischen Narrativität, der intensiven Berührung aufzubauen, spricht für Buergel und sein Konzept.
Der Versuch, Erfahrungsräume zu kreieren, ist im "documenta"-Standort Neue Galerie am besten geglückt. Reduziertes Licht, starkes Kolorit an den Wänden und gezielte Beleuchtung schaffen effektvolle, fast schon übertrieben feierliche Bedingungen für die Kunst: Für die 1971 entstandenen Fotos von Kaugummiskulpturen Alina Szapocznikows ebenso wie für die große Filmgeste von James Coleman, der im Riesenkino Harvey Keitel in klassischem Ambiente räsonieren lässt: "Retake with Evidance." Für Gonzalo Diaz, der über Heizstrahler den Satz "Wir suchen überall das Unbedingte und finden nur Dinge" aufglühen lässt und damit einen Kommentar über Ausstellungserwartungen im Allgemeinen abgibt.
Fussel von Kelly und Kovandas Aktionismus Für Mary Kellys meterlanges, aus einer Waschmaschine stammendes Fusselobjekt mit privatem und politischem Hintergrund und für jene Andachtsräume (z. B. Churchill Madikida), in denen die Grenze zu Kitsch, Esoterik und Pathos bereits überschritten wurden.
Die "documenta"-Halle erweist sich einmal mehr als schwer zu bespielender Ort, die poppige Materialschlacht von Cosima von Bonin mag amüsieren, mehr nicht. Hier hinterlässt postmoderner Wunderkammer-Charme einen Nachgeschmack von Gleichgültigkeit.
Zum Glück gibt es das nahe Friedericianum, wo Gerhard Richter, Simon Wachsmuth, Harun Farocki multimediale Nachdenk-Räume aufbauen. Großartig sind die frühen Konzeptarbeiten von Jiri Kovanda und Sanja Ivekovic, stimmungsvoll ist die Kombination des Wachs-Wasserfalls von Zheng Guogu (unteres Bild links) und dem Menschendekor von Zofia Kulik.
Der Mut, anders zu sein, wird in Kassel belohnt.






