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Stellen Sie sich bitte etwas Traurigeres vor als ein Plakat, das in einem Archiv verschwindet. Ein Plakat, jenes für die Litfaßsäule oder etwa den Verteilerkasten gedachte Medium also, das Wind und Wetter trotzen muss, aber nicht für die Ewigkeit gedacht ist, erhält eine Archivnummer, eine Beschlagwortung und einen Platz in einer säurefreien Umgebung.
Noch trauriger allerdings – auch wenn dieser Umstand der eben beschriebenen Tragödie per se widerspricht – ist es, "wenn es nichts mehr zu archivieren gibt, weil im öffentlichen Raum nichts mehr entstehen kann". Das hält Peter Noever, Direktor des Museums für angewandte Kunst, für problematisch. Denn seit Jänner dieses Jahres ist ja Schluss mit dem freien Plakatieren in Wien, das "Wildplakatieren" schlichtweg verboten. Für viele kleine Kulturbetriebe und -initiativen war das eine recht unkomplizierte und kurzfristige Möglichkeit, ihre Werbung zu affichieren.
Mit der Gründung des Gewista-Tochterunternehmens "Kultur:Plakat" im Sinne der "Stadtverschönerung" fand nicht nur eine Monopolisierung des Plakatgeschäfts statt, sondern wurde, wie Kritiker des Verbots meinen, auch die "Verarmung und Vereinheitlichung der Wiener Kulturlandschaft" eingeläutet. Julius Deutschbauer und Gerhard Spring haben freilich nicht wegen dieses Verbots im vergangenen Jahr ihre Zusammenarbeit als eine Art österreichisches Plakat-Kollektiv beendet.
Erleichtert habe diese Erschwernis ihre Entscheidung allerdings schon. Denn wenn nun jeder legale Plakatklebeplatz sechs Monate im Vorhinein bestellt werden muss, ist jede Spontaneität dahin: "Woher soll man denn wissen, welches Thema in einem halben Jahr spannend ist", weist Spring auf den nun fehlenden Spaßfaktor hin.
Im Kunstblättersaal im MAK kann man nun "Nur 100 Plakate" der seit 1993 entstandenen Papierbögen bewundern und in einem Katalog abgebildet mit nach Hause nehmen. Plakate, die auch am Klo sehr hübsch sind, wie Herr Spring findet, und die im Urbanen auch eine Art Erweiterung des Wohnraums sein können.
Plakate, die mit der schwarz-blauen Regierungswende 2000 und einer spürbaren Repolitisierung fast wie Schwammerln im öffentlichen Raum sprossen und von denen einige Motive uns auch Jahre danach noch in guter Erinnerung sind und Schmunzeln machen: So wie etwa das "Widerstandl" (2001) oder das "Wurmfortsatz"-Plakat (2002). Letzteres fand ein österreichischer Bildhauer aber ganz und gar nicht komisch. (kafe / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.4.2008)