


vergrößern 600x400Ungeahnte Weite: die nun wieder lichtdurchflutete Gemäldegalerie der Akademie.

Wien - Schon seit Jahren gibt es zwischen Stephan Schmidt-Wulffen, dem Rektor der Akademie der bildenden Künste, und Renate Trnek, Direktorin der hauseigenen Gemäldegalerie, recht heftige Wortgefechte. Denn Trnek verteidigte ihr Terrain, die zweitgrößte Sammlung Alter Meister in Wien, mit aller verbaler Kraft und beharrte auf den Status quo: Ein Teil ihrer Arbeit sei es, sagte sie vor drei Jahren, "Trends auszusitzen".
Der Rektor hingegen pochte auf Evaluierung und Modernisierung: Die Akademie sei eben kein Museum, die Sammlung habe auch der Lehre zur Verfügung zu stehen, und es müsse ein Konnex zur Gegenwart hergestellt werden. Trnek befürchtete sogleich, dass ihre Gemäldegalerie eine "studententherapeutische Sandkiste" werden solle. Und sie hielt auch nichts von einer Neugestaltung. Denn die Pläne des Architekten Georg Töpfer sahen eine Reduktion der Hängefläche um ein Drittel vor.
Stephan Schmidt-Wulffen hingegen meinte, dass sich die Präsentationsformen eines Museums seit der Modernisierung in den frühen 1980er-Jahren stark geändert hätten: Eine "Kunstlichthölle" sei eben nicht mehr zeitgemäß.
Der Rektor versprach zwar Kompromisse; Trnek hatte sich aber doch zu fügen. Zuerst, 2007, wurde im Souterrain der Akademie am Schillerplatz ein 400 Quadratmeter großes Depot errichtet. 2008, nach der Räumung der Galerie und der angrenzenden Räume, in denen die Verwaltung wie auch die Restaurierung untergebracht waren, begannen die umfangreichen Umbauarbeiten.
Der Lift zum Allerheiligsten
Am Mittwoch wurde der erste Stock, der neuerdings über einen Lift zu erreichen ist, feierlich wiedereröffnet. Als Ergänzung zur altehrwürdigen Gemäldegalerie gibt es nun vier Säle, die unter dem Titel xhibit mit Ausstellungen studentischer Projekte und des Kupferstichkabinetts bespielt werden. Verbunden sind die beiden Blöcke durch ein Foyer samt Shop.
Die früher zum Teil muffige Gemäldegalerie ist fast nicht wiederzuerkennen: Architekt Töpfer entfernte alle Fensterverschalungen. Hinter den halbtransparenten Vorhängen kann man die Gebäude des Getreidemarkts ausmachen. Und die massiven Trennwände wurden durch kleine Einbauten ersetzt. Der zentrale Saal ist daher in seiner gesamten Länge wahrnehmbar. Höhepunkt der außerordentlichen Sammlung, zum überwiegenden Teil von Anton Graf Lamberg zusammengetragen, ist natürlich das Jüngste Gericht von Hieronymus Bosch: Der dreiflügelige Altar mit seinen winzigen wie witzigen Monstern wird als "das Allerheiligste" im allerletzten Raum präsentiert.
Renate Trnek bedauerte bei der Pressekonferenz, dass durch den Verlust der Laufmeter und der Reduktion der Räume - "an allen Seiten nagt die Akademie an uns" - nur mehr die Meisterwerke gezeigt werden können und nicht mehr ganze Zyklen. Aber auch sie musste eingestehen, dass die 900 Quadratmeter große Gemäldegalerie schön geworden ist. So schön, dass sie "fremdle".
Sich mit der neuen Situation vertraut machen will Renate Trnek aber nicht: Weil die Gemäldegalerie ihre Autonomie verloren hat (sie untersteht jetzt direkt dem Rektor) und als "Lehrmittelkabinett", wenn auch als ein "luxuriöses", angesehen werde, tritt die 61-jährige Beamtin Ende Dezember, zwei Jahre vor ihrer Pensionierung, zurück. Der Posten wird ausgeschrieben.
Schmidt-Wulffen ertrug mit zusammengekniffenen Lippen alle spitzen Bemerkungen von Trnek. Wohl weil er wusste, dass sich ein fixes Ausstellungsforum als sinnvolle Investition erweisen wird. Zum Auftakt zeigt Kurator Soren Grammel in Attitude and Canon die Ergebnisse einer Auseinandersetzung - mit der Gemäldegalerie. (Thomas Trenkler / DER STANDARD, Printausgabe, 23.9.2010)
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