Kunsthalle im MuQua: Ugo Rondinone - "No How On"
Wer schläft, lacht kürzer
Von Claudia Aigner
Diese Damen haben aber sehr testosteronverdächtige Gesichter.
Also entweder hat man ihnen in die Gesichtscreme tatsächlich Testosteron
gemischt (konkret: das Testosteron von Ugo Rondinone) oder es liegt doch
eher daran, dass Herr Rondinone halt so verdammt gern Frauenkleider trägt.
Am liebsten, während er einen fremden - weiblichen - Körper anhat. Die
Models, die er bislang heimgesucht hat, brauchen aber wohl weniger einen
Exorzisten oder ein Abführmittel, um ihn wieder loszuwerden, als vielmehr
ein gutes Computerprogramm. (Und mit einer Besitzstörungsklage kann man
einen Parasiten sowieso nicht aus einem Wirtskörper
hinauskomplimentieren.) In seiner verstörend androgynen Fotoserie "I
Don't Live Here Anymore" hat Ugo Rondinone seine Physiognomie unter den
Haaransatz von Models geklemmt. Mit perfekt fließenden Übergängen. Und hat
dabei nicht einmal einen perversen Blick drauf. Ist also ein so
kultivierter, harmlos dreinschauender, lieber Schmarotzer, auf den wollen
die Damen vielleicht eh gar nicht mehr verzichten. Wer weiß, Rondinone,
der offenbar das wahrhaft vollendete Rollenspiel liebt, entdeckt da
vielleicht gerade seinen feministischen Unterleib (vom Kinn abwärts). Dem
Schweizer mit Wohnadresse in New York widmet die Kunsthalle Wien noch bis
22. September eine stimmungsvolle Personale: "No How On" (was soll denn
das heißen?). Die Hauptattraktion sind zweifellos die drei
lebensgroßen, gemütlich pummeligen Clownskulpturen, die satt und faul, mit
jedem Kilogramm ihres Sättigungsgefühls, auf dem Boden herumlungern und
die Augen geschlossen haben. Ihre Tollpatschigkeit mag ja gerade außer
Betrieb sein (nämlich im Schlafmodus), aber sogar in ihrer totalen
Passivität beherrschen sie die Kunst der Situationskomik, zumal die
Situation irritierend komisch ist. Wenn Conan, der Barbar, eine andere
Kindheit gehabt hätte und lieber Clown geworden wäre (und statt ins
Fitnessstudio zu McDonald's gegangen wäre), dann hätte er möglicherweise
ganz genauso ausgesehen. Aber wir wissen, dass Conan, der Zerstörer, das
Zwerchfell ja lieber terminiert, sprich: dass man bei ihm und seiner
Bizepsmentalität nichts zu lachen hat. Die halbnackten Clowns mit
Zottelfellen oder einem Umhang wie ein Hirtenteppich haben einen
barbarischen, neandertalesken Kleidergeschmack (frönen sozusagen einem
"Retrostil"). Sandler sind sie aber höchstens dann, wenn auch der trunkene
Silen, der notorischerweise seinen Rausch ausschläft und sich von seinem
berüchtigten Hedonismus und seiner chronischen Geilheit erholt, ein Penner
ist. Rondinones sehr anwesende, physische Clowns scheinen eher elementare
Kreaturen zu sein, die sich nur um ihre fundamentalen Körperfunktionen
kümmern (essen, schlafen) und gerade in der Gewalt ihres träumenden Es
sind - und das ist ja auch sehr elementar. Alle sind beim Rondinone
irgendwie Autisten. Nicht nur seine Schlafclowns verweigern sich der
überdrehten Spaßgesellschaft, der Hektik und dem Adrenalin. Und Rondinone
ist ein echter Meister der "geleckten" Räume, die gepflegt und entschlackt
vor einem liegen und einen mit ihrer Vollkommenheit emotional
überwältigen. Oder mit ihrem Soundtrack. Wenn eine flehentlich hoch
singende Frauenstimme herzergreifend pathetisch schmalzt (wie in einem
Italowestern), dann fällt das eigentlich schon unter Nötigung. Einfach
perfekt und schön: ein distanzierter, kühler Raum in Schwarzweiß. An der
Wand: dramatisch düstere Fotos von Menschen in schwarzem Gummi. Aalglatt
wie Taucher, die nur so durch den Ozean flutschen. Sadomaso-Froschmänner.
Auf dem Boden: exakte grafische Wellenlinien. Aus Löchern plätschert ein
völlig unproduktives Gespräch, eine Wortklauberei, die ewig im Kreis geht.
Wahrscheinlich so lange, bis einer der Gesprächspartner seinen Mund für
etwas anderes braucht und seine orale Zuwendung lieber seinem Abendessen
schenkt. Die tragische Karikatur der Sprechkultur zwischen den
Geschlechtern. Fazit: "Du mich auch."
Erschienen am: 17.09.2002 |
. |

Kunsthalle im MuQua: Ugo Rondinone - "No How On"
Kunsthistorisches Museum im Palais Harrach: Erich Lessing - Vom Festhalten
der Zeit
Brucknerfest Linz von Bundespräsident Thomas Klestil eröffnet; Festrede
von Schriftsteller Said
Künstlerhaus Wien: Mitglieder- Werkschau im Salon 2002
Oberes Belvedere: Köpfe von Josef Pillhofer
Quer durch Galerien








|
. |