Ein duftiges weinrotes Stoffhemd,
schwebend zart und transparent. Darunter männliche Nacktheit.
Ein muskulöser (auch verlängerter) Rücken, die Arme
hochgestreckt. Die Beine...tja...die Beine... also irgendetwas
stimmt da nicht. Passen irgendwie nicht zum Torso, diese
Beine. Zu schmal, zu weiblich auf dem einen Bild. Auf dem
zweiten Werk gar völlig verdreht: Kniekehlen nach vorn.
"Das ist ein langer Prozess!" - erzählt die
österreichische Künstlerin Andrea Pesendorfer den OÖN:
"Zunächst wird das transparente Hemdkleid genäht. Dann zieht's
mein Freund an und ich fotografier ihn damit. Das Foto wird
auf das Hemd gedruckt, dann zieh's ich so an und mein Freund
fotografiert das Ganze dann." Dadurch also die irritierende
Köpervermischung. "Aneignung. Ich in Christian" lautet der
Titel dieser Arbeiten, die ab heute im Wappensaal (1. Stock)
der oö. Landesgalerie die aktuelle Ausstellung einleiten.
Lebensgroße Fotografien 175 x 127 cm groß. Daneben das
fotografische Dokument einer Inszenierung aus dem Jahr 2 001:
Kleider im Raum, die zwar Körperhaftigkeit vermitteln, in
Wirklichkeit aber leer sind.
Pesendorfer hat
ursprünglich Malerei studiert. Wie ist sie zu Ihrer jetzigen
Umsetzung gekommen? "Ich hab das Bemalen der Leinwand auf das
Stoffliche transferiert." - die Kleidung ist für sie also zur
Leinwand geworden: "Jetzt geht es mir um Oberfläche und um
Volumen".
In dieser Ausstellung gelingt ihr die
Auslotung dieses Spannungsfeldes vorzüglich. Auch die
Installation "Wer fürchtet sich vor Gelb und Magenta" ist
dafür ein exzellentes Beispiel. Besucher schlüpfen in gelb/
weinrote Überwürfe und werden beim Flanieren vor riesigen
Gelb/Weinrot-Farbflächen auf Video gebannt. "Während es bei
den Fotos um Individualität geht, wird die hier vor dem
entsprechenden Farbfeld aufgehoben."
Abgesehen von
dieser zwingenden Umsetzung verblüfft in diesem Zusammenhang
ein weiteres Phänomen: Das auch von den Veranstaltern dieser
Ausstellung oft totgesagte "Tafelbild" ist gar nicht so
gestorben wie propagiert! Es darf anscheinend bloß keine
künstlerische Technik wie Malerei etc. sein, sondern muss
irgendwo den Begriff "neue Medien" streifen.
Wobei die
wunderbaren Beispiele "Gegen Krieg und Gewalt" aus der
museumseigenen Sammlung, die ab heute parallel zu Pesendorfer
zu sehen sind, ebenfalls eine ganz andere Sprache sprechen.
Aber wer überlegt angesichts von Jahrhundertmeistern wie
Kubin, Fladerer, Brosch, Kolbitsch, Lang oder Wach tatsächlich
die Aktualität von Tafelbildern?
OÖNachrichten
vom 6.12.2002 |