| Salzburger Nachrichten am 14. Oktober 2004 - Bereich: kultur
Erforscher von Alltagsmythen Der Salzburger
Kunstverein präsentiert drei Studien zu Filmen von Cameron Jamie
KARL HARBSALZBURG (SN). Cameron Jamie, der in Paris lebende
amerikanische "Dokumentarkünstler", der mit Video, Klang, Performance,
Fotografie und Zeichnung arbeitet, zeigt im Salzburger Kunstverein drei
Studien zu Filmen. Sie beschäftigen sich mit alltagskulturellen
Phänomenen, mit Jugend- und Volkskultur, mit Mythen des Alltags. "Kranky Klaus" (2003) bezieht sich auf einen alpenländischen Brauch,
dem Cameron Jamie im Gasteinertal auf der Spur war. Er ließ sich von den
Krampussen inspirieren und produzierte nicht nur einen Film und
dokumentarische Fotos, sondern auch Masken, die er mit den Gasteiner
Schnitzern Max und Erwin Kössler angefertigt hat. Teufel würden, sagte
Jamie bei der Pressekonferenz am Mittwoch, menschliche Gestalten.
Grausamkeit und Gewalt werden transformiert in kultische Handlungen, in
rituelle Haltungen und buchstäblich hinter Masken verborgen. Cameron Jamie sieht sich als Dokumentar-Künstler. Er zeichnet diese
Handlungen und Haltungen auf und stellt sie in einem künstlerischen
Kontext aus. Auch das ist ein Akt der Transformation. In seinem Film "BB" (2000) interessierte sich Cameron Jamie für das
jugendkulturelle Phänomen des Wrestling. Diese Form des Raufens und
Ringens, die in amerikanischen Vorstädten, aber auch in den vier Wänden
des eigenen Apartments gepflogen wird, trägt starke Showelemente in sich.
Der theatralische Akt enthüllt für Cameron Jamie einen künstlerischen
Aspekt. Eine "apokalyptische Sicht auf intensive Gefühle, Fantasie, Gewalt
und Rollenspiele von Jugendlichen" wird dadurch offen gelegt, auch hier
wieder mit dem transformierenden dokumentarischen Blick. Im "Tableau" der Fotos zu "Spook House" (2003) wird ein anderer
"Volksbrauch" auf querständige Art thematisiert: Halloween. Hier wird mit
Angst und Tod gespielt. Horrorszenarien werden ironisch aufgehoben, etwa
wenn ein Kinderkopf in ein (Plastik-)Skelett übergeht und am Tisch mit
diesem "Arrangement" ein Mann mit Hackebeil zum Schlag ausholt.
Aufgehängte Stoffpuppen treiben ebenso mit dem Entsetzen Scherz. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ein weiterer
Transformationsprozess: Amerikanische Alltagskultur hat viele europäische
Einflüsse aufgenommen - im Falle von Halloween kommt ein amerikanisches
Phänomen zurück nach Europa - und wird hier, was die regelrechte
Halloween-Industrie beweist, neu eingemeindet.Cameron Jamie im Salzburger
Kunstverein, Künstlerhaus, bis 28. 11. Künstlergespräch heute, Donnerstag,
18 Uhr. |