Kultur

Österreichische Kunst in Kassel: Töne, Giraffe und frivole Siegesgärten

15.06.2007 | SN
Fünf österreichische Künstler stellen auf der "documenta" aus: Neuwirth, Rockenschaub, Friedl, Pumhösl und Doujak

KASSEL (SN-m.b.). Unverhofft kommt nicht oft, doch manchmal. "Als ich via Mail die Einladung zur ,documenta‘ erhielt, dachte ich, da liegt ein Fehler vor", sagt die österreichische Komponistin Olga Neuwirth im SN-Gespräch. Die Musikerin auf der Weltkunstschau für bildende Kunst? Kein Problem, wenn der Direktor Roger M. Buergel heißt. Der hat ja auch einen spanischen Koch in seine Riege der Kunstschaffenden aufgenommen.

Für die Neue Galerie hat die gebürtige Schwanbergerin Neuwirth eine "Klanginstallation mit Film" geschaffen, die sich gut in die Abfolge der Erlebnisräume einreiht. Seh- und Hörbilder (etwa Zitate von Walter Benjamin und Hannah Arendt) vereinen sich in der Medienskulptur "...miramondo multiplo..." mit an- und abschwellendem Klangmaterial aus dem eigenen Fundus, dem im Vorjahr in Salzburg uraufgeführten Trompetenkonzert. Die im Raum eingebauten Rahmen wurden ihr kuratorisch "auferlegt", auch wenn Neuwirth gerne verzichtet hätte.

Gleich mit einer Vielzahl von älteren Arbeiten, die Buergel in Dialog mit anderen Werken gesetzt hat, ist Gerwald Rockenschaub in Kassel präsent.

Speziell für den umstrittenen Aue-Pavillon (schlechtes Licht, billiges Glashaus-Flair) hat der in Berlin lebende Linzer eine orange-grüne Schulklassen-Installation geschaffen. "Meine Arbeiten fügen sich gut in Buergels Ideen ein, die ,documenta‘ ist engagiert und spannend, anders als die heurige Biennale von Venedig", berichtet Rockenschaub. Zu den Höhepunkten der "documenta" zählen die Beiträge des ebenfalls in Berlin lebenden Österreichers Peter Friedl. Er stellt reizvolle und vieldeutige Kinderzeichnungen aus, fasziniert durch animalisches Spiel via Video ("Tiger oder Löwe"), und er hat mit seiner ausgestopften, im Krieg gefallenen Giraffe ("The Zoo Story") der "documenta" einen der großen Blickfänger geschenkt.

Das Tier, es hieß Brownie, verendete 2002 im einzigen Zoo im Westjordanland nach einer Angriffswelle der israelischen Streitkräfte. Jetzt blickt Brownie, amateurhaft präpariert, treuherzig auf das fotografierende Publikum. Dieses Riesen-Steiff-Tier macht aktuelle Geschichte lebendig.

Sexueller Fetischismusund Gartenidylle Um einiges zurückhaltender agiert Florian Pumhösl im Museum Friedericianum. "Modernologie (Dreieckiges Atelier)" nennt er seine Rauminstallation aus Wänden, Hinterglasbildern und mit Magazinen und Ausschnitten gefüllten Vitrinen. Die Arbeit berichtet vom Transfer formaler Motive in unterschiedliche Kulturen und entspricht so der von Buergel erwünschten "Migration der Form".

Wie schon auf der venezianischen Biennale ist Sexualität auch auf der "documenta" kaum ein Thema. Eine der wenigen Ausnahmen kommt aus Österreich, von der in Wien lebenden Klagenfurterin Ines Doujak. Sie pflanzt frivole "Siegesgärten". Die reizvollen, aus Foto und Grafik collagierten Tableaus zeigen sexuellen Fetischismus und liebliche Gartenidyllen. Sie kommen an zwei Orten vor: in der Neuen Galerie und im Aue-Pavillon, wo sie allerdings mit Kolonialismuskritik überfrachtet sind.

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