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| Christoph Blase Die Ausstellung sollte das Ereignis des Sommers werden. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen gesteckt. Um sie zu erfüllen, jettete ein Kuratorentrio der jüngeren Sorte nomadenhaft in über 50 europäischen Städten der Kunst der späten 90er Jahre hinterher. Mannigfach sind die Berichte über eine mehr oder weniger übermüdete Crew, die mehr oder weniger hopphopp die örtlichen Kunstszenen durcheilte. Doch was schliesslich von Robert Fleck, Maria Lind und Barbara Vanderlinden in Luxemburg präsentiert wurde, zeigt entweder die desolate Lage der europäischen Kunstproduktion oder das Scheitern der Kuratorengruppe; vielleicht auch beides. | ||
| Luxemburger
Pluralismus
Zur Manifesta 2
links: Pierre Huyghe · Dialogue avec un
produit de consommation, 1998. Mischtechnik Die Manifesta 2 dauert noch bis zum 11.10. Vorträge und Gespräche mit Künstlern, Kritikern und Theoretikern jeweils samstags um 16 Uhr. Kurzführer zu den einzelnen Projekten sowie umfangreicher Katalog, 288 S., 950 LUF/DM 48.–. |
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Die Haltung, einerseits seine ganz normale Arbeit als Ausstellungsmacher, das Reisen und Reden mit Künstlern, eben das Netzwerk aufbauen, schon als Leistung explizit zu thematisieren und andererseits alles anzuschleppen, was man, aus welchen Gründen auch immer, persönlich ganz okay findet, offenbart ein Kuratorendilemma. Der Zunft ist, obwohl sie mit dem Gegenteil kokettiert, die Courage abhanden gekommen. Wer alles zeigen, aber nichts richtig auswählen will, braucht auch nichts mehr besonders zu begründen oder gar zu inszenieren. Er kann seine Arbeit auf halbem Weg beenden. Die Recherche ist zweifellos geleistet worden, doch aus dem Material wurde einzig der Schluss gezogen, dass es fürchterlich disparat ist. Dass es auch im Netzwerk und im Hybriden unterschiedliche Qualitäten gibt, diese Erkenntnis scheint dabei absolut unerwünscht zu sein. Die Leidtragenden dieses Pluralismus-Konzeptes sind dann die wenigen interessanten Arbeiten, die zwar auffallen, aber gleichzeitig auch untergehen. So stösst man im Casino-Kunstforum auf die Videoinstallation von Eija-Liisa Ahtila, eine angedeutete einsame Kammer mit einem einsamen Bett, das von sechs Monitoren umrahmt wird. Verschiedene Männer reden über ihre Träume. Sie alle spielen Aki V., der sich seine ideale Geliebte zusammenphantasiert, eine Geschichte, die wiederum von einem Mann und einer Frau auf der übergrossen Leinwand über dem Bett erzählt wird. Im anderen Flügel des Gebäudes, etwas versteckt, flirtet sich ein asiatisches Liebespaar vor einem Blumenmeer an. Erst blickt sie ihn an, dann er sie, ansonsten geschieht nichts. Der Film von Jeroen de Rijke und Willem de Rooij dauert keine drei Minuten. Irgendwann sagt er, dass sie schön sei. Es dauert lange, obwohl der Film so kurz ist, bis sie antwortet: ‹I love you›. Doch um von Ahtila zu de Rijke/de Rooij zu kommen, muss man an einem riesigen Erdkubus mit einem Olivenbaum obendrauf von Maurizio Cattelan vorbei. Das monumentale Werk spielt ein wenig mit dem Aspekt innen/aussen, dazu ein bisschen Kunstgeschichte nach Arte Povera, minimal-art und den 1000 Eichen von Beuys, kurzum ein didaktisches Horrorgewächs. Fragwürdig erscheint auch, eine Etage tiefer, die Arbeit von Carsten Höller. In der Eingangshalle baute er einen monströsen Bogen auf, dessen grosse Glühbirnenschrift das Wort ‹Manifesta› leuchten lässt. Das Gebilde verfügt ferner über Garderobenhaken und besitzt Räder, so dass man es verschieben kann. Es macht weder Sinn noch sieht es gut aus. Sinnvoll sinnlos, weil eben gut aussehend, sind dagegen die auf kleinen Teppichen präsentierten amorphen Elektrogeräte von Krisþtof Kintera samt den dazu entworfenen Verpackungen. Die Mischung zwischen zu gross geratenen Vibratoren oder Föhnen, denen die Öffnung fehlt – aber stets gibt es einen Knopf zum Einschalten – plaziert sie gezielt und ironisch in den hybriden Bereich zwischen Kunst und Design. Vielleicht wollte Höller mit seinem Möbelstück auch dort hin. Eine der stärksten Arbeiten stammt von Pierre Huyghe, der den Film eines schlafenden nackten Mannes zeigt. Alles erscheint genauso wie vor 25 Jahren bei Andy Warhols sechstündigem Stück ‹Sleep›. Doch etwas ist anders. In dem einem Raum rattert der Projektor, die Wand besteht aus Glas und man meint im ersten Moment, es wäre Spiegelglas. Die Menschen, die sich dort vermeintlich spiegeln, sind jedoch tatsächlich in dem Raum nebenan, in den man nur gelangt, wenn man fast durch das halbe Gebäude läuft. Hier kommt aus Lautsprechern die Stimme von John Giorno, jenem Mann, der 1963 für Andy Warhol schlief, und der nun die Geschichte davon erzählt. Kein Wort davon dringt durch die schalldichte Glaswand hinüber zu dem Remake. Verstreut über die verschiedenen Spielorte finden sich noch weitere starke Werke, die mit technischen Medien arbeiten. Der andauernde Treppensturz von Peter Land samt dem gegenüber projizierten Sternenhimmel gehört dazu, ferner das dröhnende Soundambiente vom Franz Pomassl und die Bänder der Videoüberwachung eines Hotels von Ann-Sofi Siden, die nicht nur die Flure, sondern auch, schön langsam stur hin- und herschwenkend, das Geschehen in den Betten und Bädern zeigt. Auch dem Video von Kutlugþ Ataman, in dem eine alte Operndiva unplugged über ihr Leben erzählt – und sie hat etwas zu erzählen – könnte man stundenlang zuschauen. Und dann gilt es, noch den Weg durch den langen stockdunklen Tunnel von Antoine Prum zu finden, dessen Eingang tief unten im Tal liegt. Zu Beginn sieht alles noch noch ganz freundlich aus, die Treppen hinab sind in blaues Neonlicht getaucht. Doch dann steht man dort, ganz alleine, der Kopf vielleicht vom Vorabend noch etwas benommen. Am Ende des Tunnels sieht man rotes Licht. Wie weit wird es wohl weg sein, einen Kilometer oder zwei? Man läuft los und setzt damit offensichtlich Bewegungsmelder in Gang. Von rechts und links ertönt dramatische Filmmusik. Man hört dunkle Gestalten böse Dinge verabreden. Schon nach wenigen Schritten bietet nur noch das rote Licht dort hinten Orientierung. Jemand pfeift aus den Lautsprechern, dann fangen Frauen an zu schreien. Gehetztes Atmen und die Geräusche von um ihr Leben rennenden Menschen klingen ans Ohr. Es ist nicht mehr lustig. Das Blau hinter einem ist jetzt genauso weit weg wie das Rot vor einem. Jetzt wird jemand brutal zusammengeschlagen, dazu süffisante Klaviermusik. Wenn nun doch noch jemand hier unten ist und wir würden zusammenstossen, unglücklich fallen, wann würden sie uns finden? Schreien wäre zwecklos, gegen die Lautsprecher würde es keiner hören und wenn doch, er würde es nicht ernst nehmen. Langsam wird das rote Licht deutlicher, bald hat man es erreicht. Der Gang macht eine Kurve und dahinter ist nichts als Schwarz. Zaghaft, ganz vorsichtig, tastet man sich vor ins dunkle Nichts. Wieder hört man gehetztes Atmen. Und dann kommen die Hunde, immer mehr, immer lauter, immer näher. Nein, du schreibst nicht, dass viele Arbeiten auf der Manifesta, die einem vorkommen wie auf einem mittelmässigen Akademie-Rundgang, nicht nur, aber vor allem von Künstlern aus Osteuropa stammen. Nein, nein, kein Wort über diese ganzen kleinen Biografien, die da in Bild und Schrift sowie mancher Bastelarbeit ausgestülpt werden. Die Hunde werden noch lauter, gleich werden sie dich zerfleischen. Die Manifesta zeigt den aktuellen hybriden Charakter der jungen europäischen Kunstszene. Die Hunde bellen immer noch. Noch nie wurde das Netzwerk – das Gebell wird leiser – so umfassend und pluralistisch dokumentiert. Jetzt ist Stille im Schwarz. |
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| Ausgabe: | 09 / 1998 | |
| Ausstellung: | ( - ) | |
| Institution: | Casino (Luxembourg) | |
| Autor/in: | Christoph Blase | |
| Künstler/in: | Ann-Sofi Sidén , Eija-Liisa Ahtila , Pierre Huyghe , Jeroen de Rijke , Willem de Rooij , Peter Land | |
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