Historisches Museum: Peter-Sengl-Retrospektive "Schrecklich -
Schön"
Der Heimwerker als Orthopäde -"ästhetische Körperverletzungen"
Von Claudia Aigner
Dass den Frauen vom Peter Sengl die Füße einschlafen, ist
wohl das Mindeste, was man von ihnen erwarten kann. Denn wer nicht einmal
mehr strampeln kann, der tut sich zumeist schwer, seine unteren
Extremitäten wach zu halten (wenn der Sengl seiner Dame nicht ohnedies die
Unterschenkel amputiert hat und sie fortan ihre Knie eigentlich nur noch
in einen Hundenapf tunken kann, sofern der Maestro ihr auf jeden
Beinstumpf, wie es so seine Art ist, einen Hundeschädel transplantiert
hat). Peter Sengl (im Historischen Museum ist ihm bis 18. November
unter dem Titel "Schrecklich - Schön" eine Retrospektive gewidmet) packt
den Fluchtinstinkt eben an der Wurzel (nämlich an der Bewegungsfreiheit
der Fluchtinstinkt-Besitzer). Soll heißen: Seine aberwitzigen,
hundsgemeinen Fesselungen (etwa das "Hockfixierungsgerät für Gefleckte")
sind ausbruchssicher wie der Dornröschenschlaf. Kurz: Man müsste mit
Skalpell und Schraubenzieher herausoperiert werden, weil ja die
fantasievollen Konstruktionen die Leiber (meist Frauen in offensiv
erotischen Posen) durchstoßen und mit dem Menschenfleisch untrennbar
verschmelzen. Oder einfach auf die Körper draufgeschraubt sind. Und seine
Gefährtin, die Künstlerin Susanne Lacomb, die er immer wieder als
Rohmaterial für seine ungemein kreativen "Sadomaso-Bastelarbeiten"
verwendet, läuft ihm immerhin schon seit 1965 nicht mehr weg, was aber
nichts damit zu tun hat, dass sie dereinst seinen "Luchsationsstuhl"
ausprobiert hat (klingt nicht zufällig wie Luxation, also
Gelenksausrenkung; ein Chiropraktiker könnte von dieser Sitzgelegenheit
locker leben). Aber Peter Sengl hat ja schon als Bub seiner
Barbiepuppe mit der Brotschneidemaschine die Beine in Scheiben geschnitten
und ihr dann Prothesen aus Eisstaberln gebastelt. Nein, das stimmt
selbstverständlich nicht (aber das hätten wohl viele gern). Der Sengl ist
ja kein Perversling, sondern ein Ästhet, der den Frauenakt in der Malerei
bereichert und sich bravourösest auf die "ästhetische Körperverletzung
unter besonders heimwerkerischen Umständen" versteht. Gekonnt: die
kunsthandwerkliche Präzision, mit der er seine bizarren und garantiert
gentechnikfreien Körperkunst-Fantasien "zusammenzimmert" und in die auch
Tiere oder Plüschviecherln involviert sind. Eine kleine Auswahl
dessen, was man ihm "anhängen" könnte: Er sei ein Deformationsfetischist,
ein orthopädischer Sexualattentäter, ein
Frauen-wie-Fonduefleisch-Aufspießer, ein schönheitschirurgischer
Heimwerker, ein Brustwarzenzieher und zwischendurch sogar ein
Plüschtierquäler. (Na servas.) Das konsequente Weiterdenken der
zwanghaften Situationen (bzw. Versuchsanordnungen) bereitet ein ganz
spezielles Vergnügen (vorausgesetzt man hat so einen pathologischen Humor
wie ich - und der Sengl). Etwa die Gassigehszene (nach einem Foto von
Jacques-Henri Lartigue von 1911). Da hat ein elegantes Frauchen mehr
Bodenhaftung, als es einer Hundebesitzerin zuträglich ist und kann nur
noch wie angewurzelt (wie ein Baum) Gassi stehen, während ihre Hunderln
aber noch totale Beinhebfreiheit haben. Nicht ganz so lustig: seine ganz
perfide Anstiftung zu einer Balancekatastrophe, wo er nämlich dem bereits
von Pfeilen durchbohrten Hl. Sebastian (der trotzdem nicht der für
Akupunktur zuständige Heilige ist) zu einem Martyrium unter verschärften
Bedingungen verhilft und wo der Pestheilige in einem geschlossenen System
namens Gleichgewichtsstörung mit seinen rollenden Beinprothesen keinen
Halt findet, während auch noch seine Armprothese brennt und vom Hl.
Florian gelöscht werden muss. Durch Irritation erheiternd: "Den
Eichkatzerln den Winterschlaf ersparen". Die Winterschlaf-Prophylaxe
besteht hier im Abstechen der herzigen Viecherln (die pikanterweise nicht
einmal Winterschläfer sind). Aber für deftige und umso reizvollere
kontrastreiche Kombinationen (von Niedlichem und Grausamem, Sexappeal und
Verstümmeltem) ist der Sengl ja bekannt. Und dass alles so schrecklich
schön und dekorativ ist.
Erschienen am: 29.10.2001 |
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