Es ist für uns daher schwierig geworden, Kunst zu kritisieren, ohne von vorne herein der Kunst den Nimbus der Freiheit zu nehmen.
Das weiß auch ein Herrmann Nitsch und ich unterstelle ihm, mit diesem Freiraum schändlich um zu gehen. Denn auch der Begriff der Freiheit lässt sich definieren. Des einen Freiheit endet dort,
wo die Freiheit des anderen beginnt. Diese Definition ist natürlich dehnbar: Wo enden die Grenzen des Einzelnen, wo beginnen die Grenzen des Anderen? – Man könnte also mit Fug und Recht behaupten, solange Nitsch niemanden stört, kann er tun und lassen, was er will. Kann er auch. Ich will Hermann Nitsch nicht daran hindern, sein Spektakel abzuhalten. Sicher nicht. Ich stelle nur die Frage in den Raum, ob Kunst, die sich des jedem Menschen eigenen Voyeurismus bedient, auch tatsächlich Kunst ist, die öffentlich gefördert werden muss.
Ich bin kein Freund von Verboten, mein Motto heißt Aufklärung, Humanismus und Liberalität. Doch um nicht in die Anarchie abzurutschen, bedarf es auch Schranken. Das Mysterienspiel Hermann Nitschs durchbricht für mich diese Schranken, die da lauten Moral, Achtung, Respekt, Wertschätzung und Schutz der Jugend. Er ist zum Protektor der Scheußlichkeit geworden. Ich glaube, dass es an der Zeit ist, sich wieder von seinem ästhetischen Empfinden leiten zu lassen und dem Schönen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Distanzie 5. Spalte ren wird uns von der Weigerung, das Schöne anzuerkennen, denn sie entspricht wie im Falle Hermann Nitschs oft nur der Enttäuschung darüber, dass das Schöne die Welt nicht erlösen kann. In diesem Sinne... (DER STANDARD, Printausgabe, 3.8.2004)