Salzburger Nachrichten am 7. September 2005 - Bereich: kultur
Mensch oder Maschine

Das Thema der diesjährigen "Ars Electronica" lautete "Hybrid": Viele der zahlreichen Exponate des Festivals gaben Perspektiven in die Zukunft.

LASZLO MOLNARLINZ (SN). Über 400 Seiten hat er wieder, der Katalog der "Ars Electronica". Gerade eine Woche dauerte das Festival, das gestern, Dienstag, zu Ende ging. Obwohl die Tage gespickt waren mit Veranstaltungen, also kaum ein Moment ungenutzt blieb, war das doch zu wenig Zeit, um die Bandbreite des diesjährigen Themas "Hybrid - living in paradox" voll in der Tiefe erfassen zu können.

Enorm viel wurde da angerissen in diesem Graubereich des Hybriden, das nach dem lateinischen Wortstamm "hybrida" "Mischling" bedeutet. Für die Ars Electronica hieß das: etwas vom Menschen und etwas von der Maschine. Maschine steht dabei zum allergrößten Teil für "Computer".

Die Ars Electronica ist ein Festival der Computerkunst. Obwohl die Arbeiten auf knallharten naturwissenschaftlichen Grundlagen beruhen, sind es doch freigeistig-kreative Köpfe, die hier Jahr für Jahr ihre Arbeiten vorstellen. Mehr und mehr hat daran die ganze Stadt teil. Außer in den "Zentralen" im Brucknerhaus und im Ars Electronica Center gab es Präsentationen und Ausstellungen in der Kunstuniversität am Hauptplatz, auf dem Hauptplatz selbst, im Lentos Museum, im Architekturforum, im O.K. Centrum für Gegenwartskunst und in der Landesgalerie Linz, aber auch im Hauptbahnhof und im ÖBB-Ausbesserungswerk, das heute "Technische Services" heißt.

Ein Signal dieser Ausbreitung im Stadtgebiet lautet: Die Kunst der Ars Electronica ist in vieler Hinsicht alltagsrelevant, sogar alltagstauglich. Vieles, was hier noch Fantasie ist, könnte einmal Bestandteil des täglichen Lebens werden. Und da kann es recht hilfreich sein, wenn die Maschinen wissen, was ihre Menschen wollen.

Sie wollen es zum Beispiel warm und behaglich haben. Das war das Thema des "Blanket project" von Nicolas Stedman aus Kalifornien, in das sich Linz-Besucher gleich bei der Ankunft am Hauptbahnhof hineinlegen konnten.

Dort stand im Untergeschoss ein Doppelbett, darauf ein Kissen und eine Decke. Aus der Decke ragten etliche Kabel, in der Nähe stand ein Laptop. Legte sich nun jemand unter diese Decke oder auf sie, so begann sie, sich heftig zu bewegen, schlug ihre Zipfel und Kanten um ihren Benutzer und fing an, sofern er oder sie nicht richtig zugedeckt war, an ihm empor zu robben.

Das wirkte zwar noch alles etwas klobig, aber es steckt ein wichtiges Prinzip des Hybriden dahinter: diese Maschine ist, computergesteuert, schon ein gutes Stück weit gebracht, den Bedürfnissen des Menschen von selbst zu entsprechen. Eine derartige Maschine ist nicht nur konstruiert, Bedürfnisse des Menschen auf Anfrage zu erfüllen. Sie soll die Bedürfnisse voraussehen.

Das weitaus beliebtere Thema des "Hybriden" war aber die virtuelle Welt, in der Mensch und Maschine über Sensoren und Bildschirme kommunizieren. Innerhalb des Festivalprogramms nahm die Computeranimation einen großen Platz ein: Mehrmals täglich gab es Vorführungen aus den über 450 Einreichungen für den "Prix Ars Electronica" allein auf diesem Gebiet. Das Ziel scheint zu sein, der Computerbilderwelt immer mehr eine Anmutung zu geben, die der menschlichen Gefühlswelt entspricht.

Ganz stark diese emotionale Karte spielte der "Nica"-Preisträger in dieser Disziplin, "Fallen Art" von Tomek Baginski. Dreidimensional-realistisch erzählt er die Geschichte eines Generals, der sich an den Leiden seiner Soldaten weidet, in der finsteren Art des Films "Brazil". Die voll elektronisch erzeugte Suggestion von Wahnsinn und Ausgeliefertsein ist nicht minder beklemmend als die mit Requisiten zusammengebaute des Films. Womit man sah: Maschinell erzeugte Emotionen sind nicht weniger real als die "real" hervorgebrachten. Wer da wen beherrscht, das ist in der Nebelzone des Hybriden immer schwerer zu unterscheiden.Die Ausstellung "Cyber Arts" im O.K. Centrum für Gegenwartskunst wird noch bis 18. September gezeigt.