| Salzburger Nachrichten am 22. Juli 2006 - Bereich:
Sonderbeilagen
Vom lichten Reich der Kunst Anton Faistauer malte im
"Großen Foyer" sein künstlerisches Universum in Synthese von sakralen und
profanen Inhalten. Er verbindet in diesem Raum Rezeption der Antike mit
lokaler intellektueller Auseinandersetzung und seiner eigenen privaten
Welt. GUDRUN WEINZIERL
Wer das Faistauer-Foyer durch den Haupteingang betritt, sieht sich den
heroisch ausgebreiteten Armen eines nackten, überlebensgroßen Mannes
gegenüber: Apoll hat sich in Salzburg - vor der Festung und der
Felsenreitschule - herabgelassen, den Menschen die Schönheit und
Vollkommenheit des Lebens zu bringen. Es ist ein Gott voll irdischer
Schönheit, "uralter Grieche" zwar, aber dem neuzeitlichen Menschen sehr
nahe: mit seinem Selbstbewusstsein, seiner Autonomie und seinem Anspruch,
die Welt zu kreieren. 1926 hatte Anton Faistauer diese Gestalt noch seitwärts gewandt und mit
der Lyra in Händen - sie ist noch in Ansätzen zu erkennen - als Gott der
Musik und Führer der Musen dargestellt. 1927 wandelte er Apoll zur heute
sichtbaren Gestalt. Am Beispiel Apolls mag deutlich werden, dass
Faistauers Arbeit keineswegs auf eine Interpretation zu reduzieren ist.
Ohne die Leier wird Apoll zum vielschichtigen Gott, der Heil, Krankheit
und Tod bringen kann, der durch seinen Beinamen "Phoibos" (der Reine) für
sittliche Ordnung und rechtes Maß steht. Links von Apoll ist mit einem biblischen Thema König David mit seinen
Frauen. An Apolls anderer Seite widersteht Odysseus, an den Masten seines
Schiffs gebunden, dem Gesang der Sirenen. In die Wälder und an die Wasser einer mystisch dunklen Welt entführen
die Figuren in der linken Hälfte der Apollo-Wand: Links sitzt der den
Gesang liebende Nöck am Wasser. Neben ihm musiziert Orpheus, dem die Tiere
lauschen und der durch sein Spiel die wilden Tiere zähmt. Amphion bringt
einen Wasserfall zum Stillstand. Rechts schließt der Mönch von Heisterbach
an, ein Einsiedler, der 100 Jahre dem Gesang der Vögel lauschte. Feierlich statuarisch schreiten über ihnen allen im obersten Fries
Priester in der Prozession der Bundeslade - sie blasen Posaunen, die
Mauern Jerichos fallen. Jeweils zwei gegenüberliegende Wände des Foyers stehen in inhaltlichem
Bezug. So nehmen die Werkleute- bzw. "Jedermann"-Wand und die
Theaterszenen-Wand das Thema des Lebens und des Schauspiels auf. Die als
Cäcilien-Wand bezeichnete Haupteingangsseite und die gegenüberliegende
Apollo-Wand sind der Verherrlichung der Musik und ihrer transformierenden
Kraft hin zum Göttlichen gewidmet. Am Beginn des Freskenzyklus, an der vom Haupteingang kommenden linken
Stirnseite, sind die Baugeschichte des Festspielhauses mit Handwerkern und
Bildhauern sowie die Freskierung des Foyers durch die Maler thematisiert.
In der linken oberen Ecke hat sich Faistauer selbst abgebildet. Ebenso
sind seine Malerkollegen Sturm-Skrla, Gundl Krippel, Kern und Achleitner
verewigt. Über Gundl Krippel, die ab dieser Zeit Faistauers
Lebensgefährtin bis zu seinem Tod 1930 war, schreibt er, dass ihr Porträt
sechs Mal im Foyer zu finden sei. "Jedermann"- Wand und Cäcilien-Wand Dem Ikonoklasmus der
Nationalsozialisten fiel die Darstellung von Landeshauptmann Franz Rehrl
und Architekt Clemens Holzmeister, beide den Bauplan zum Festspielhaus
lesend, als Erstes zum Opfer. Hinter ihnen wächst der Bau empor, links von
ihnen folgender Schriftzug: "Dieses Haus verdankt seinen Bestand der
Tatkraft des Landeshauptmannes Dr. Rehrl. 1925 von C. Hüter in seinen
Grundzügen erbaut, wurde es 1926 von Prof. C. Holzmeister zur
künstlerischen Vollendung gebracht." Die rechte Hälfte dieser Werkleute- oder "Jedermann"-Wand benannten
Malerei ist einem Thema der Salzburger Festspiele selbst, Hugo von
Hofmannsthals "Jedermann", gewidmet. Über den beiden Durchgangsbögen zum
neuen Haus tafelt die Tischgesellschaft. Über ihr, im obersten Teil, ist
das Publikum selbst in verschiedenen Stimmungen dargestellt -
nachdenklich, traurig, applaudierend, belustigt. In der Mitte, zwischen
vergitterten Fenstern, blickt ein Königspaar dem Betrachter entgegen, das
in der Literatur einerseits als Allegorie für das königliche Spiel,
andererseits als Verweis auf uralte mythische Zeiten gilt. Das Schauspiel geht auf der gegenüberliegenden Wand mit Theaterszenen
weiter: Eine Schauspielergruppe schart sich um den Regisseur -
wahrscheinlich ist Max Reinhardt beim Unterricht dargestellt. Im rechten
unteren Bildgeviert wird "König Lear" geprobt. Mit der Tragödie auf der
Bühne geht auch die Tragödie des Lebens einher, im Zentrum steht das in
Leinen gewickelte Gerippe des Todes. Der Tod bringt Trennung von Mutter
und Kind, verzweifelten Schmerz, Einsamkeit, Hader mit dem Schicksal. Diesen hoffnungslosen Menschen steht - rechts vom Tod dargestellt - das
bejahrte Paar Philemon und Baucis gegenüber, das eheliche Treue bis in den
Tod symbolisiert. Es sind zwei in sich ruhende Gestalten in friedlicher
Landschaft, die der Sage gemäß trotz Armut Jupiter und Merkur in ihrer
Hütte aufnahmen, die eine Sintflut überstanden und zu Priestern wurden.
Philemon und Baucis soll durch ihre Verwandlung in eine Eiche und eine
Linde eine "Metamorphose" in ewiges Leben zuteil werden. Der pantheistischen Welt griechischer Götter, Helden und einfacher
Menschen setzt Faistauer schließlich in der Cäcilien-Wand das Christentum
entgegen. Frühes und spätes Mittelalter, Neuzeit und Gegenwart, Apostel,
Kirchenväter, Heilige und Kleriker des 20. Jahrhunderts werden auf dieser
Seite des Haupteingangs dargestellt. Im Zentrum der linken Wandhälfte spielt - selbst engelsgleich - Cäcilie
als Schutzpatronin von Kirchenmusik und Instrumenten auf der Orgel,
begleitet von Engeln und Jungfrauen. Unterhalb - gleichsam ein Architrav
über den Türen des Haupteingangs - sind elf Bildnisse von Männern, die
alle mönchisch oder klerikal gekleidet sind: Traditionell werden sie als
Apostel gelesen - der Vierte von ihnen, anlässlich der Restaurierung dank
einer Schenkung hinzugekommen, stellt Paulus dar. Da aber Faistauer - dieses Vorgehen ist auch aus der Freskierung der
Morzger Kirche belegt - oft die Gesichter ihm bekannter Personen einbezog,
wurde dieser Fries zum Thema der interpretatorischen Auseinandersetzung.
Identifiziert wurden Faistauer selbst, Erzabt Klotz, Hermann Bahr,
Erzbischof Rieder, Domkapellmeister Messner und der Architekt Peter
Behrens. Vier verschollene Bilder sind als Fotokopien nach alten Vorlagen
aus der Nationalbibliothek eingebaut. Rechts auf der Cäcilien-Wand: eine Szene aus Karl Vollmöllers
Mysterienspiel "Mirakel", das in der Aufnahme des Menschen ins himmlische
Reich durch den Christus Pantokrator gipfelt. "Mirakel" war 1925 Max
Reinhardts erste Inszenierung im Festspielhaus. Zwischen Cäcilie und "Mirakel" hat Faistauer fünf Heilige auf eine
Lisene gemalt. Sie werden als Augustinus, Franziskus, Ehrentraud, Gregor
und Lukas genannt. Faistauer dürfte sie wegen ihrer Bedeutung für die
Musik gewählt haben. Ob der Maler dabei auf eigenes Wissen oder die
Beratung eines Klerikers zugriff, ist ungewiss. "Das Singen ist Sache der Liebenden" Der Evangelist Lukas wird in der
Tradition als Künstler oder als Maler dargestellt; das Benedictus wie das
Magnificat aus dem Prolog seines Evangeliums spielen in der Liturgie und
im Stundengebet eine große Rolle. Populär ist der Augustinus
zugeschriebene Spruch "Wer singt, der betet doppelt"; in seiner 336.
Predigt und in der Einleitung des Messbuchs kommen seine Worte "cantare
amantis est" (das Singen ist die Sache der Liebenden) vor. Als zweiten der
vier lateinischen Kirchenväter wählte Faistauer Gregor, auf den der
gregorianische Choral zurückgeht. Ehrentraud, Patronin Salzburgs, steht
für den benediktinischen Orden, der Hüter der Kirchenmusik und des Chorals
ist. Als "Spielmann" oder "Troubadour Gottes" hat der heilige Franziskus
mit seinem Sonnengesang die Herzen der Menschen berührt und mit seinen
Liedern einen frohen Glauben verkündet. In der rechten oberen Ecke dieser Wand, über der Mandorla des
Pantokrators, geben zwei Engel auf Schriftbändern Aufschluss über die
Gestaltung des Raums: "Am Petritag (29. Juni) begonnen und am 5. August
vollendet, Gott sei Dank." Auf der Schleife des rechten Engels steht "In
memoriam matris". |