text breit  text schmal  
drucken 
Bilder keine Bilder

derStandard.at | Kultur | Bildende Kunst 
04. September 2006
20:39 MESZ
www.salzburg-kontra.com www.salzburgbleibfrei.at 
Bürgerbeteiligung als Kunst: Pflanz oder ernstes Anliegen?
Im Rahmen des Festivals "Kontra.Com" wurden erfolgreich Unterschriften für ein Bürgerbegehren gesammelt: Salzburg soll von zeitgenössischer Kunst verschont werden

Die Politik ist jetzt ernsthaft am Zug.

Salzbburg - "Schluss mit der Verschandelung unseres Weltkulturerbes!" Die Salzburger Altstadt dürfe unter keinen Umständen erneut "durch übersubventionierte und missverständliche Gegenwartskunst" zur "G'stättn" degradiert werden. Avantgardefestivals wie "Kontra.Com" stellten einen "respektlosen Angriff auf das Kulturverständnis" der Bevölkerung dar. Mit solchen - in Anlehnung an Artikel des lokalen Kleinformats formulierten - Parolen sammelten "Aktivisten" der "Aktion Reales Salzburg" vergangenen Sommer in der Salzburger Altstadt Unterschriften.

Das Ziel: Ein Bürgerbegehren, nach dem der Gemeinderat beschließen möge, dass "die Salzburger Altstadt für die Dauer eines fünfjährigen Moratoriums frei von Gegenwartskunst im öffentlichen Raum bleibt."

Transparente, einheitliche T-Shirts der "Aktivisten" an den Infoständen und Werbefeuerzeuge unterstützten den als Politkampagne inszenierten Auftritt. Der Unterschriftensammlung war ein Erfolg beschieden: Laut Angaben der "Aktion Reales Salzburg" haben 3778 Personen den Antrag unterschrieben. Damit ist die in der Stadtverfassung festgeschriebene Hürde von 2000 Unterschriften zur Einleitung eines Bürgerbegehrens deutlich überschritten worden. Was die Mehrzahl der Unterschreiber nicht wussten: Die Aktion war selbst Teil des im Rahmen des Mozartjahrs von 12. Mai bis 16. Juni in Salzburg abgehaltenen Avantgardefestivals "Kontra.Com". Initiator der ironischen Kunstaktion als Antwort auf die Medienkampagne gegen das Kunstfestival ist der Schweizer Christoph Büchel.

Mittels Presseaussendung ließen Büchel und seine Mitstreiter dann die Bombe platzen. Anstatt die Aktion zu beenden und sich mit der Veröffentlichung des Sammelergebnisses samt Interpretation zu begnügen, wurden die Unterschriften tatsächlich an Bürgermeister Heinz Schaden (SP) übergeben. Jeder habe "das direktdemokratische Recht, ein Bürgerbegehren zu beantragen. Die Demokratie ist unser Recht, und: sie ist ein Kunstwerk!", heißt es in der Aussendung der "Aktion Reales Salzburg" mit listigem Unterton.

Seither sind auch Behörden und Politik Teil der Inszenierung Büchels. Als Erstes muss die Wahlbehörde die Gültigkeit der eingereichten Unterschriften prüfen. Werden mindestens 2000 bestätigt, steht den Salzburgern ein Urnengang bevor.

Bürgermeister Schaden jedenfalls ist ziemlich sauer. Er will die Kosten der Unterschriftenüberprüfung und eines allfälligen Begehrens auf "Kontra.Com" überwälzen und von den Subventionen abziehen. Keine guten Vorzeichen für das Festival, das eigentlich alle zwei Jahre stattfinden sollte. Heuer wurden für die zehn Installationen im öffentlichen Raum, sieben Musik- und Performanceprojekte von Altstadtverband, Land und Stadt, insgesamt rund 1,35 Millionen Euro für die vom Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt, Max Hollein, und dem Intendanten des Donaufestivals Krems, Tomas Zierhofer-Kin, kuratierte Veranstaltung aufgebracht.

Vergebliche Warnung

Schaden muss sich als Kulturressortchef der Stadt freilich auch einige Kritik anhören. Allen voran von der parteifreien Gemeinderätin Elisabeth Promegger. Sie hatte bereits vor Beginn der Unterschriftensammlung vor den Folgekosten und einer Desavouierung direkt demokratischer Instrumente gewarnt. Ihre Bedenken seien damals ignoriert worden, so Promegger im Standard-Gespräch. Jetzt dürfe sich Schaden "aus dem selbst mitverursachten Dilemma nicht davonstehlen". Das Bürgerbegehren sei "ordnungsgemäß durchzuführen".

der Standard Webtipp: www.salzburg-kontra.com www.salzburgbleibfrei.at

Gestürzter Helikopter in Salzburg: Ein bisserl Provokation - 3778 Personen protestierten gegen diese Art Kunst. Die Ironie der Aktion blieb eher verborgen. Foto: APA

Bürgerbeteiligung als Kunst

Pflanz oder ernstes Anliegen? Im Rahmen des Kunstfestivals "Kontra.Com" wurden erfolgreich Unterschriften für ein Bürgerbegehren gesammelt: Salzburg soll von zeitgenössischer Kunst verschont werden. Die Politik ist jetzt ernsthaft am Zug.

Thomas Neuhold

Salzbburg - "Schluss mit der Verschandelung unseres Weltkulturerbes!" Die Salzburger Altstadt dürfe unter keinen Umständen erneut "durch übersubventionierte und missverständliche Gegenwartskunst" zur "G'stättn" degradiert werden. Avantgardefestivals wie "Kontra.Com" stellten einen "respektlosen Angriff auf das Kulturverständnis" der Bevölkerung dar. Mit solchen - in Anlehnung an Artikel des lokalen Kleinformats formulierten - Parolen sammelten "Aktivisten" der "Aktion Reales Salzburg" vergangenen Sommer in der Salzburger Altstadt Unterschriften.

Das Ziel: Ein Bürgerbegehren, nach dem der Gemeinderat beschließen möge, dass "die Salzburger Altstadt für die Dauer eines fünfjährigen Moratoriums frei von Gegenwartskunst im öffentlichen Raum bleibt."

Transparente, einheitliche T-Shirts der "Aktivisten" an den Infoständen und Werbefeuerzeuge unterstützten den als Politkampagne inszenierten Auftritt. Der Unterschriftensammlung war ein Erfolg beschieden: Laut Angaben der "Aktion Reales Salzburg" haben 3778 Personen den Antrag unterschrieben. Damit ist die in der Stadtverfassung festgeschriebene Hürde von 2000 Unterschriften zur Einleitung eines Bürgerbegehrens deutlich überschritten worden. Was die Mehrzahl der Unterschreiber nicht wussten: Die Aktion war selbst Teil des im Rahmen des Mozartjahrs von 12. Mai bis 16. Juni in Salzburg abgehaltenen Avantgardefestivals "Kontra.Com". Initiator der ironischen Kunstaktion als Antwort auf die Medienkampagne gegen das Kunstfestival ist der Schweizer Christoph Büchel.

Mittels Presseaussendung ließen Büchel und seine Mitstreiter dann die Bombe platzen. Anstatt die Aktion zu beenden und sich mit der Veröffentlichung des Sammelergebnisses samt Interpretation zu begnügen, wurden die Unterschriften tatsächlich an Bürgermeister Heinz Schaden (SP) übergeben. Jeder habe "das direktdemokratische Recht, ein Bürgerbegehren zu beantragen. Die Demokratie ist unser Recht, und: sie ist ein Kunstwerk!", heißt es in der Aussendung der "Aktion Reales Salzburg" mit listigem Unterton.

Seither sind auch Behörden und Politik Teil der Inszenierung Büchels. Als Erstes muss die Wahlbehörde die Gültigkeit der eingereichten Unterschriften prüfen. Werden mindestens 2000 bestätigt, steht den Salzburgern ein Urnengang bevor.

Bürgermeister Schaden jedenfalls ist ziemlich sauer. Er will die Kosten der Unterschriftenüberprüfung und eines allfälligen Begehrens auf "Kontra.Com" überwälzen und von den Subventionen abziehen. Keine guten Vorzeichen für das Festival, das eigentlich alle zwei Jahre stattfinden sollte. Heuer wurden für die zehn Installationen im öffentlichen Raum, sieben Musik- und Performanceprojekte von Altstadtverband, Land und Stadt, insgesamt rund 1,35 Millionen Euro für die vom Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt, Max Hollein, und dem Intendanten des Donaufestivals Krems, Tomas Zierhofer-Kin, kuratierte Veranstaltung aufgebracht.

Vergebliche Warnung

Schaden muss sich als Kulturressortchef der Stadt freilich auch einige Kritik anhören. Allen voran von der parteifreien Gemeinderätin Elisabeth Promegger. Sie hatte bereits vor Beginn der Unterschriftensammlung vor den Folgekosten und einer Desavouierung direkt demokratischer Instrumente gewarnt. Ihre Bedenken seien damals ignoriert worden, so Promegger im Standard-Gespräch. Jetzt dürfe sich Schaden "aus dem selbst mitverursachten Dilemma nicht davonstehlen". Das Bürgerbegehren sei "ordnungsgemäß durchzuführen". (Thomas Neuhold/DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2006)


© 2006 derStandard.at - Alle Rechte vorbehalten.
Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.