"puppi" . . . oder Kindheitsdämmerung
Eines der ältesten, in den meisten Kulturen grundlegend gebrauchten
Gegensatzpaare ist das von "Licht" und "Dunkel". Das Wunder Sonne und die
menschliche Prädestiniertheit für ein Leben, das sich bevorzugt bei
Tageslicht abspielt statt in der kälteren, unwirtlicheren Nacht . . .
kurz, elementare Erfahrungen, mögen weiters dazu geführt haben, dass seit
Jahrtausenden "Licht" auch als Synonym für quasi "das Gute, Schöne, Wahre
und Begehrenswerte" steht (vice versa für dessen Gegenteil: "das Dunkel").
Eine Gleichsetzung, die noch heute hinreichend funktioniert. Vor allem
Pop- und Filmindustrie haben - mitunter ironisch gebrochen - die Praktik
der Licht-Inszenierung von Mythos und Religion übernommen, wo Götter,
Helden, Engel, Heilige wie Propheten auratisch-aureolisch leuchtend
beeindrucken.
|
Wer wie die Künstlerin und
Fotografin Christa Zauner (1966 geboren) in ihren Arbeiten immer
wieder das Verhältnis "Licht und Dunkel" mit thematisiert, also
formal wie inhaltlich überdenken muss, lernt zu differenzieren.
Abzusehen, abzurücken von den populären Mustern der Inszenierung
profaner Epiphanien, ohne sie zu
vergessen. |
Wer wie die Künstlerin und Fotografin Christa Zauner (1966 geboren) in
ihren Arbeiten immer wieder das Verhältnis "Licht und Dunkel" mit
thematisiert, also formal wie inhaltlich überdenken muss, lernt zu
differenzieren. Abzusehen, abzurücken von den populären Mustern der
Inszenierung profaner Epiphanien, ohne sie zu vergessen. Sehgewohnheiten
zu irritieren . . . etwa, indem die Grenzen zwischen dem, was im Licht und
dem, was im Schatten liegt, verschwimmen, wackeln, unscharf werden oder
einfach nicht mehr auszumachen sind. Wie in der vierzigteiligen Bildserie
"puppi" (1998 entstanden). Aufnahmen von Puppen und Plüschtieren vor
dunklem Hintergrund, schwarzweiß, in einer auffälligen Blautönung. Bilder
aus der Dunkelheit: die Figuren erscheinen uns und scheinen doch "im
Schatten" festzuhängen, unterzugehen oder sich gerade ein Stück daraus
hervorzuwagen. Man kann sie nie genau erkennen, sucht im Betrachten. Da
leuchten etwa der Bart und die großen Augen eines Zwerges durch die
Bildnacht, auch der Stoff seiner Mütze ist genau erkennbar . . . doch der
Puppenkörper verschwindet. Von der Stoffmaus sieht man eben die weißen
Kugelaugen mit winzigen, schielenden Pupillen, dahinter die Segelohren,
doch der Rest des Wesens bleibt in Dunkel getaucht. Ebenso wie der in
einer dunklen Hose steckende Unterkörper eines Plüschtieres, das einen
gestreiften Pullover zu tragen scheint, vielleicht ein verlassener Elch,
ohne Geweih. Gespenstergleich hüpft ein Hase aus Frotteestoff durch die
Luft und erinnert an die Frühzeit der Fotografie, als man versuchte, mit
Hilfe der damals neuen Technik zu beweisen, dass die Geister wirklich
existieren. Ein Püppchen sitzt auf einer Schaukel, die im Nirgendwo
schwebt, nicht befestigt ist. Kein Haken, kein Halt. Eine Barbiepuppe mit
steifem Lachen schüttelt die weiße Mähne, als seien die Kunsthaare ein
Fächer aus Lichtstrahlen, der sich in ihrem Rücken befindet . . .
Attraktion, aber keine Hilfe.
|
Wie die Schatten des Hintergrunds
nach vorne zu drängen und in die abgebildeten Wesen einzudringen
scheinen, so liegt anderseits das Licht wie eine dünne,
undurchdringliche Schicht, ein Nebel über der Dunkelheit. -
Dunkelheit Kindheit? Der Name "puppi" könnte eine Verniedlichung von
"Puppe" sein, erinnert aber auch an die englischen Wörter "puppy":
junger Hund oder "puppet":
Marionette. |
Wie die Schatten des Hintergrunds nach vorne zu drängen und in die
abgebildeten Wesen einzudringen scheinen, so liegt anderseits das Licht
wie eine dünne, undurchdringliche Schicht, ein Nebel über der Dunkelheit.
- Dunkelheit Kindheit? Der Name "puppi" könnte eine Verniedlichung von
"Puppe" sein, erinnert aber auch an die englischen Wörter "puppy": junger
Hund oder "puppet": Marionette. Puppen und Plüschtiere sind menschliche
Stellvertreter. Kindliche Spielgefährten. Sie sind zudem, wie der
Kunsthistoriker Manfred Schneckenburger schreibt: "weich, widerspruchslos,
wie Erwachsene sich Kinder wünschen." Und in diesem Sinn, als Hinweis auf
Kinder, als symbolische Kinderporträts, beginnt man zunehmend die Bilder
Christa Zauners zu betrachten (die sich auch zunutze machen, dass Dinge im
Foto lebendiger, Menschen aber dinghafter wirken). Diese "puppis",
befreit von den bunten, "lustigen" Spielzeugfarben, werden zu Phantomen
kindlich-unmittelbarer, ohnmächtiger Gefühle, Wünsche, Enttäuschungen. Zu
Bildern, die dem Blick der Erwachsenen "unheimlich Niedliches" und
"niedlich Unheimliches" als Dokumente der Einsamkeit präsentieren.
Inmitten einer scheinbar unendlich ausgedehnten Dunkelheit - Nacht, Traum,
Unterwelt? Nein, so weit wird man nicht gehen müssen. Es mögen eher die im
Dunkel belassenen Stellen der Aufmerksamkeit sein, die diese Welt so
genannter Er-Wachsener für die Perspektive der Kinder hat - also: nicht
hat, haben kann -, die Christa Zauner mit scharf eingestellter Optik
zeigt. Das vage Licht ist eines gedämpfter Hoffnung und verschleierter
Furcht. Das Dunkel um diese so eigenartigen, still beredten Porträts
könnte sich lichten, je länger man hinschaut. Nicht in den Bildern, aber
in den Köpfen.
Erschienen am: 01.02.2002 |
. |
Sie sind eingeloggt! 920 User insgesamt auf dem Server angemeldet. Logout
Mit unseren Suchseiten können Sie in der Zeitung
und im Internet
recherchieren. Nutzen Sie die Link-Sammlungen, um EDV-Unternehmen und
Software zu finden.
|
. |