Galerie Ulysses: Neue Bilder von Arnulf Rainer
Madonnen, Antiken und Landschaft im Farbschleier
Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Wer das zornige Alterswerk eines
rebellischen Auslöschers erwartet hat, wird mit den neuen Zyklen von
Bildern aus den letzten beiden Jahren von Arnulf Rainer eines Besseren
belehrt: Rainer hat nach seiner Krankheit und in der Ruhephase nach der
Professur eine intensive Auseinandersetzung mit der Buntheit von
Farbvaleurs und ihren Möglichkeiten transluizider Erscheinung begonnen,
die - wäre da nicht der zu überarbeitende Untergrund - fast mit den
Farbversuchen eines Richter in Zusammenhang gebracht werden könnten.
Aber der Künstler braucht nach wie vor das Vorbild, das Gegenüber, an
dem er sich "reiben" kann und das seine malerischen Auseinandersetzungen
erst auslöst, die letztlich mit dem Bildverbot und der Auslöschung aller
Bilder durch die Mystik der Gottesschau nach Pseudo-Dionysius-Areopagita
zu tun haben. Die davon abgeleitete "negative Theologie", die nicht mit
dem Gegenteil von positiv, sondern mit dem Löschen von aus der Hybris des
Menschen stammenden, uns ähnlichen Gottesbildern zu tun hat, ist geistiger
Auslöser. Diese theologischen Spitzfindigkeiten in Bezug auf seine Malerei
hat Rainer schon in frühen Jahren mit Monsignore Otto Mauer, seinem großen
Entdecker und Gönner, diskutiert. Die "Gegenbilder", über die Florian
Steininger im begleitenden Katalog schreibt, haben nun die atmosphärische
Gestaltung von Schleiern oder Vorhängen bekommen; zwar sind die Schwünge
und Pinselzüge noch zum Teil mit körperlicher Vehemenz gezogen, bekommen
aber auch etwas Ornamentales. Die Durchsichtigkeit und Vielfarbigkeit
nimmt den neuen Bildern die früher so wichtige Intensität des Löschens;
eine gewisse Eleganz und Schönheit wird nun gestattet, die "schwarzen
Nächte" gehören der Vergangenheit an. Ähnlich verändert geht es den
fotografischen Unterlagen nach Kunstwerken der Antike, der Frührenaissance
(Giotto u. a.), die zwar den Besen oder die Bürste - zumindest partiell -
zu spüren bekommen; doch ist es mehr eine sanfte Berührung, ein
Darüberstreichen geworden. Sanftheit ist im Zusammenhang mit dem heftigen
und kritischen Charakter des Künstlers eine fast unglaubwürdige
Komponente; es liegt dagegen auch eine Menge Melancholie und Trauer in
diesen feinen Schichten aus Leimfarbe; fast eine Art Bedauern. Damit
werden die verwendeten Vorlagen zuweilen hervorgehoben und durch die
vorhanghafte Bearbeitung betont, statt, wie früher, durch Farblöschung
zerstört zu werden: Das katholische Element der Bilderfreuden, das Lob der
Sinnlichkeit im Irdischen, hat sich gegenüber dem protestantischen Wort
durchgesetzt und die Frische dieser Werke ist enorm: gemalte Jungbrunnen.
Erschienen am: 17.06.2003 |
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