Persona non grata

Von Herwig Höller


Das Russische Museum in St. Petersburg widmet dem Begründer des Suprematismus derzeit eine groß angelegte Personale. Mit mehr als 100 Gemälden und 40 grafischen Arbeiten verfügt das Russische Museum in St. Petersburg über die weltweit größte Malewitsch-Sammlung, die vom Künstler in den späten Zwanzigern bzw. nach seinem Tod von Angehörigen dem Museum übergeben wurde.

Kasimir Malewitsch
Kasimir Malewitsch
Im Zuge der stalinistischen Abrechnung mit der russischen Avantgarde, spätestens seit Februar 1936 mit einer hetzerischen Artikelserie "Über Formalismus in der Kunst" in der Pravda war jedoch Malewitsch in der Sowjetunion offiziell Tabu. Einige Jahrzehnte lang mussten Museums-Mitarbeiter bisweilen Malewitsch-Arbeiten vor staatlichen Kommissionen verbergen. 1977 erlangten die Werke der Sammlung wieder "offiziellen" Status, doch erst 1988 wurden erstmals wieder Arbeiten des Suprematismus-Begründers in der Sowjetunion ausgestellt.

Zeit zurückdrehen

"Kasimir Malewitsch im Russischen Museum" - so der lapidare Titel der Petersburger Ausstellung - dokumentiert die schöpferische Entwicklung des Künstlers in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, beginnend mit frühen impressionistischen Landschaftsbildern und neoprimitivistischen Bildern um 1910.

Schwarzes Quadrat
Schwarzes Quadrat
Anschließend zu sehen sind Werke aus der zwar kurzen, aber im Schaffen des Künstlers zentralen kubofuturistischen Periode. Darunter auch eines der wichtigsten Werke des (von Malewitsch) so genannten "Suprematismus", eines der weltbekannten "Schwarzen Quadrate", das zusammen mit "Schwarzer Kreis" und "Schwarzes Kreuz" ausgestellt ist.

Auch wenn jene Arbeiten, die im Russischen Museum gezeigt werden, erst 1924 fertig wurden, ließ sie Malewitsch auf das Jahr 1913 rückdatieren. Ein Verfahren, auf das der Künstler Zeit seines Lebens häufig zurückgriff. Weniger bekannt sind hingegen politische Plakatarbeiten aus der Zeit des Ersten Weltkrieges, die sich mit Bildtexten wie "Kam ein Österreicher nach Radsiwilli, da spießte ihn des Weibes Gabel auf" über Kriegsgegner Russlands lustig machen sollten.

Zum Vergrößern anklicken
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Abschließend finden sich zahlreiche Werke aus den frühen Dreißigern - die jedoch teilweise um 30 Jahre rückdatiert wurden, in denen Malewitsch zur figurativen Malerei zurückkehrte. Manche dieser Gemälde wie etwa "Die Arbeiterin" oder "Der Schmied" (1933) erinnern fatal an den sozialistischen Realismus, der offiziellen Ästhetik der Stalinzeit.

Malewitsch & Neoakademismus

Die Frage der Gründe für die Rückkehr des späten Malewitsch zu realistischen Formen ist dabei - was zeitgenössische Kunst in St. Petersburg betrifft - keinesfalls bloß eine akademische Frage. Der Anführer des so genannten Neoakademismus, Timur Novikov, will mit seiner Bewegung zu klassischen Ästhetiken zurückkehren. Er meint, dass nicht äußere Gewalt, sondern Malewitschs Erkenntnis, dass die klassische Avantgarde eine Fehlentwicklung gewesen wäre, Ursache für die Abkehr vom Gegenstandslosen war und will damit seine künstlerische Bewegung mitlegitimieren.

Andere meinen hingegen, dass sich Malewitsch hauptsächlich aus Angst vor Repressionen des Stalin-Regimes wieder realistischen Formen zuwandte. Bekanntlich war Malewitsch seit den späten Zwanzigern von offizieller Seite zunehmend Kritik ausgesetzt und wurde auch wiederholt verhaftet.

Trademark in Moskau

Aber nicht nur in Petersburg, auch in Moskau wurde kürzlich an Malewitsch erinnert. Das Kulturzentrum Dom widmete ihm anlässlich seines 123. Geburtstages ein Performance-Festival. Drei Tage lang performten bekannte Vertreter der Kunstszene wie der Poet Lev Rubinstein, der Jazzmusiker Sergej Letov, die Aktionskünstlerin Lena Kovylina und Größen des Undergrounds wie Aleksandr Petljura oder German Vinogradov.

Ergänzt wurden die szenischen Aktionen durch Arbeiten, die mehr - z.B. Valerij und Natalja Tscherkaschins übermalte Zeitungscollagen "Malewitsch-Metropoliten" - bzw. weniger - Vladik Efimovs/Nina Kotels "Auferstandene Dinge" - an den Suprematisten erinnerten. Der enorme Publikumserfolg des Festivals aber demonstrierte vor allem eines: Malewitsch ist auch als kulturelle Trademark höchst erfolgreich.

Kunstforum Wien

Das zu Nutze macht sich denn auch das Kunstforum Wien. 180 seiner Bilder werden in der großen Herbstausstellung präsentiert.

In dieser umfassenden Retrospektive spannt sich der Bogen vom spätimpressionistischen Frühwerk über alle Schaffensphasen des Künstlers bis hin zum figurativen Spätwerk, wobei der Schwerpunkt auf seiner kubofuturistischen und suprematistischen Werkphase liegt. Die gezeigten Arbeiten stammen aus zahlreichen russischen Museen, wie eben auch jenem in St. Petersburg. Darüber hinaus gezeigt wird ein wichtiges Konvolut an wiederaufgefundenen Bildern, die in Wien erstmals zu sehen sind.

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