Salzburger Nachrichten am 24. Mai 2006 - Bereich: Kultur
Kunst aus dem Farbdrucker

Peter Kogler arbeitet mit dem Computer statt mit Pinsel und Stift GUDRUN WEINZIERL

Gudrun Weinzierl INTERVIEW Vor zwanzig Jahren begann der Innsbrucker Peter Kogler mit seiner Kunst aus dem Computer. Seine radikalen virtuellen Raumschöpfungen auf der Biennale 1986, der documenta 1992 und 1997 sowie der Expo 2000 in Hannover machten ihn zu einem der führenden Medienkünstler. Große Arbeiten sind im Flughafen Schwechat und in der Bahnhofshalle in Graz. Seine Motive sind Ameisen, Röhren und Schlauchsysteme, Gehirne und Flecken, die als biomorphe Felder zu lesen sind. Die Galerie Ruzicska in Salzburg zeigt seit Dienstagabend eine neue Werkserie mit bunten Zellstrukturen (bis 8. Juli). Kunst, die am Computer kreiert wird, ist als Teil der Kunstgeschichte noch brandneu. Andererseits entwickelt sich Medienkunst mit einer Rasanz weiter wie es vor ihr kein künstlerisches Medium getan hat. Kogler: Ich habe Mitte der 80er Jahre begonnen, mit Computern zu arbeiten. Es war damals absehbar, dass dieses Medium eine große Rolle spielen würde. Außerhalb der Natur würde bald das Meiste, das wir sehen, auf ein digitales Bild zurückzuführen sein. Grafische Programme kamen von der Architektur, gingen über das Layout und dann in den Bereich der Kunst.

Meine Arbeit ist wie eine historische Abfolge der technologischen Entwicklung zu sehen. Es sind sowohl formale Möglichkeiten am Bildschirm wie auch Möglichkeiten der Reproduktion abzulesen. In den frühen 80er Jahren gab es keine Farbdrucker, das ist in der Bildtechnik ein gravierendes Unterscheidungsmerkmal zu neuen Arbeiten.Wenn Sie jeweils nach den neuesten technischen Möglichkeiten agieren, ordnen Sie dann Ihre Ideen verfügbaren Mitteln unter? Kogler: Inhaltlich brauche ich mich nicht unterzuordnen, meine Motive sind wiederkehrend. Auch wenn ich sie teils jahrelang nicht einsetze, irgendwann kommen sie wieder.

Wie eine Oberfläche aussieht hängt aber tatsächlich vom Zeitpunkt ihrer Entstehung ab. Früher habe ich das am Bildschirm Entstandene abfotografiert, es gab ja keine Farbdrucker. Um das Bild auf eine Fläche zu bringen musste ich Siebdruck verwenden. Die Arbeiten - ob Bilder oder Rauminstallationen - geben klar wieder, was technisch bedingt ist. Formal wird heute interessant, wie grobkörnig die Arbeiten vor 20 Jahren noch waren, man kann die Pixel unterscheiden.

Die neuesten Bilder sind ebenso computergeneriert, wirken aber wie eine Airbrushtechnik, obwohl es Inkjetausdrucke auf Leinwand sind. Die Auflösung ist so hoch, und der Farbverlauf ist mittlerweile so fein abgestuft, dass der einzelne Bildpunkt nicht zu unterscheiden ist. Alles an Ihrer Arbeit, ob Bilder, die tapetenartigen Rauminstallationen oder die dreidimensionalen Raumlabyrinthe, wirkt distanziert, vom Menschen abgekoppelt. Kogler: Meine Bildwelt läuft in einem vorsprachlichen Bereich ab, der von den Zeichen definiert wird, die wir zu lesen im Stande sind. Mit der Erfindung der "Maus" haben wir uns im Umgang mit einem Computer aus einem sprachlichen in einen vorsprachlichen Bereich begeben. Eine komplexe Technologie wird in eine Phase "zurückversetzt" und durch die am Bildschirm aufscheinenden Zeichen und Codes bedienbar und handhabbar gemacht. So funktionieren auch die Zeichen in meiner Arbeit. Ich schalte während des Arbeitsprozesses auf "Autopilot" - manches ist reflektiert, manches taucht auf. Die meisten Dinge tun wir aus Konditionierung, alles zieht eine Konsequenz oder einen Affekt nach sich.Ihr Werk ist von Wiederholungen geprägt. Große Arbeiten scheinen sich unendlich ausdehnen zu können, das kann beunruhigen. Kogler: Ich arbeite mit Modulen. Es gibt daher nicht nur eine Ordnung, sondern viele Ordnungen, die auch der Gefahr unterliegen zu kippen und in die Entropie führen.

Verkettung und Aneinanderreihung können geordnet sein, können aber auch unentwirrbar sein. Das kann in uns das Gefühl aufkommen lassen, einem großen Chaos ausgeliefert zu sein: in der Außen- wie in der Innenwelt, in Computersystemen ebenso wie in unseren Gehirnwindungen.