Kultur

Lufträume eines Betonpoeten

15.12.2007 | SN
Gebäude voller Leichtigkeit, Architektur, die das Leben verbessern will: Eine Verbeugung vor dem Baukünstler Oscar Niemeyer zum 100. Geburtstag. BERNHARD FLIEHER

BERNHARD FLIEHER SALZBURG (SN). Es zählt der Raum, der umgebaut wird. Wo Baukunst Luft lässt, entsteht der Atemraum, der Menschen jene Bewegung ermöglicht, die Architektur mit Leben - und in gesellschaftspolitischer wie ästhetischer Hinsicht mit Bedeutung - füllt. Wenn solche Baukunst neue, vielfach imitierte und kopierte Formen kreiert, wird sie zu großer Kunst. Die Kunst, Unübersehbares zu schaffen und dabei auf soziale Verträglichkeit nicht zu verzichten, beherrscht der Brasilianer Oscar Niemeyer, der heute, Samstag, 100 Jahre alt wird. Dass er dabei nie in Selbstverwirklichungsfantasien erstarrt, dürfte auch an einer linken politischen Grundhaltung liegen. Fidel Castro sagte einst über ihn: "Ich und Niemeyer sind die letzten Kommunisten der Welt."

Das Vorhandene, die Natur waren Niemeyer niemals Feinde. Sie wirken bei ihm wie logische Verbündete. Seine Gebäude - angeführt vom eigenen Haus Canoa und dem Baukomplex von Pamulha in Belo Horizonte (beides aus den 1940er Jahren) - schlängeln sich entlang gewachsener Linien. Wo diese nicht vorhanden sind, denkt er sie in seinen Entwürfen herbei. Seine Gebäude kurven um Hindernisse. Sie beleben die Umgebung. Gelungen ist ihm das auch, weil er in enger Kooperation mit Ingenieur Joaquim Cardozo den Beton bändigte. Nicht mehr nur rechteckige Formen wurden aus dem Material gegossen. Niemeyer, geboren 1907 in Rio de Janeiro, ließ Beton fließen. Schlanke Hüllen, die aussehen wie fliegendes Tuch, vermitteln intime Leichtigkeit. Die Kraft des Betons wird poetisiert. Überall spielt Niemeyer mit geschwungenen Formen, lässt elegante Räume wachsen, die vom Sieg barocker Individualität über puren Rationalismus zeugen. Auf diese Weise begründete er eine Architekturmoderne mit tropischem Antlitz. Niemeyers Arbeit steht - neben den Werken seines Kollegen Le Corbusier - für die massivste Zäsur im Einsatz von Architektur im 20. Jahrhundert. Weniger als klassischer Architekt kann er bei seinen Bauten von Paris über Madeira bis New York wahrgenommen werden, denn als Skulpturenschaffer - allerdings als einer, der die soziale Verantwortung der Architektur stets berücksichtigt. Darauf berufen sich sowohl in Form als auch in Aussage von Zaha Hadid bis Coop HimmelB(l)au auch viele aktuelle Stars der Bauszene.

Weltberühmt machten Niemeyer die Bauten für die Idealstadt Brasilia in den späten 1950er Jahren. Für den städtebaulichen Plan seines Mentors Lúcio Costa schneiderte Niemeyer Gebäude nach Maß. Er mischte Modernität und Monumentalität. Dass diese so gegensätzlichen Pole scheinbar mühelos zusammenleben konnten, erstaunte vor allem in Europa. Brasilia zeigt Niemeyer als Verteidiger der Nützlichkeit, dessen Gebäude dennoch nichts gemein haben mit gemauerter, postmoderner Kälte.

Der 100-Jährige mischt immer noch mit. Bis heute sitzt er täglich im Büro an der Copacabana und lässt - wie 1996 bei der Errichtung des "Niterói Contemporary Art Museums", einem seiner aufregendsten Werke - stets genug Raum, um innerhalb gebauter Mauern, freies Atmen zu ermöglichen.

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