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Albertina: Kandinskys Liebe zum Blau

03.02.2011 | 18:23 | Von Bettina Steiner (Die Presse)

Eine 250 Blätter fassende Schau stellt das grafische Werk des "Blauen Reiters" vor. Zu entdecken sind fantastischen Arbeiten Klees, in denen er in Tuschzeichnungen und Radierungen sein späteres Werk vorbereitet.

Es ist eine kleine, sehr witzige Arbeit: Zwei Männer, nackt bis auf die Bärte, verbeugen sich voreinander – so tief bücken sie sich, dass sie an unsere Vorfahren erinnern, bevor diese den aufrechten Gang erlernt haben. Titel des feinen, in seiner anatomischen Präzision an Drucke in alten Naturkundebüchern erinnernden Blattes: „Zwei Männer, einander in höherer Stellung vermutend, begegnen sich.“

Diese Radierung ist eine von zahlreichen grafischen Arbeiten Paul Klees, die derzeit im Rahmen der Ausstellung „Der blaue Reiter“ in der Albertina zu sehen sind. Klee hat, was weniger bekannt ist, lange Zeit gar nicht gemalt – er radierte und zeichnete, oft in Auseinandersetzung mit Alfred Kubin, den er schon kannte, bevor die beiden auf Wassily Kandinsky trafen; bevor der Blaue Reiter gegründet wurde und den Gegenpol zur ebenfalls expressionistischen „Brücke“ in Dresden bildete.

 

Schiele wurde abgelehnt

Es war ein wild zusammengewürfelter Haufen, auch das zeigt diese mit Blättern aus der Albertina und dem derzeit wegen Renovierung geschlossenen Lenbachhaus München bestückte Schau: Paul Klee und Alfred Kubin mit ihren teils nachtmahrhaften, teils grotesken Schwarz-Weiß-Arbeiten, in deren Mittelpunkt der Mensch als zur Fantasie verdammte Kreatur steht. Der farbenfrohe Kandinsky aus Russland mit seinem Faible für Landschaften und Szenen, die er dann nach und nach in die Abstraktion überführte. Alexej Jawlensky, ebenfalls aus Russland stammend, von dem ein paar knappe Gesichter zu sehen sind; Franz Marc, der via Tierbilder das Animalische in der Kunst zurückholen wollte und hier mit kräftigen Holzschnitten und zarten Gouachen vertreten ist. Gabriele Münter, die Lebensgefährtin Kandinskys, die Hinterglasmalerei und die Naivität von religiösem Kunsthandwerk für die Malerei fruchtbar machte. Sie und einige mehr trafen sich rund um 1911, vor ziemlich genau 100 Jahren also – einer der Anlässe für diese mit 250 Blättern bestückte Schau.

Was die Künstler bei allen formalen Unterschieden verband: die radikale Abkehr von der Wirklichkeitsdarstellung. Eine Abkehr, die etwa Egon Schiele, wie Klaus Albrecht Schröder bei der Pressekonferenz zur Eröffnung erklärte, nie vollzog, weshalb er 1911 vergeblich versuchte, Aufnahme in die Gruppe zu finden. „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sie macht sichtbar“, so Franz Marc, übrigens der einzige Münchner der Gruppe. Man distanzierte sich von den Altvorderen und überwarf sich mit der „Neuen Künstlervereinigung München“, als ein Kandinsky-Gemälde den Mitgliedern zu „groß“ – will heißen zu abstrakt – war.

Der Name für die Gruppe war da schon gefunden: „Beide liebten wir Blau“, erinnert sich Kandinsky an ein Treffen in einer Gartenlaube in Sindelsdorf. Franz Marc war von Pferden fasziniert, Kandinsky von Reitern. „So kam der Name von selbst.“ Das Programm der neuen Gruppe kam natürlich nicht ohne Pathos aus: Man wolle „der Ruf werden, der die Künstler sammelt, die zur neuen Zeit gehören, und der die Ohren der Laien weckt“. Die erste Gemeinschaftsschau fand im Dezember 2011 statt, die zweite knapp darauf – sie zeigte ausschließlich Grafik.

 

Gruppenschau „Schwarz-Weiß“

Die Albertina versucht, an diese zweite Ausstellung anzuschließen, die mit dem Titel „Schwarz-Weiß“ warb: Zu sehen ist, wie sich Kandinsky an die Abstraktion heranpirschte, immerhin war sein erstes abstraktes Werk ein Aquarell. Zu entdecken sind seltsam artifizielle, das Animalische in der Form domestizierende Holzschnitte von Franz Marc. Und die fantastischen Arbeiten Klees, in denen er in Tuschzeichnungen und Radierungen sein späteres Werk vorbereitet.

Drei Jahre lang war der „Blaue Reiter“ ein Brennpunkt der modernen Kunst. Dann kam der I.Weltkrieg und zersprengte die Gruppe. Kann man sagen, dass manche von ihnen später doch zu einer erstaunlich ähnlichen, stark an Zeichen orientierten Formensprache fanden? Geometrisch bei Kandinsky, an russische Ikonen gemahnend bei Jawlensky, träumerisch bei Klee. Wie sich August Macke weiterentwickelt hätte oder Franz Marc, lässt sich nur vermuten: Sie fielen an der französischen Front.

„Der Blaue Reiter. Ein Tanz in Farben“, täglich 10 bis 18 Uhr, Mi 10 bis 21 Uhr, Albertinaplatz1.


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