Politische Aspekte

Von der Literatur zur bildenden Kunst führte der Weg des documenta-Kurators Okwui Enwezor.


Als der Kasseler Kunstprofessor Arnold Bode 1955 die erste Documenta veranstaltete, sollte Deutschland wieder den Anschluss an die von den Nationalsozialisten verteufelte Moderne erhalten. Die Bundesrepublik sollte Schauplatz zeitgenössischer - vor allem europäischer - Kunst werden. Nun, fast ein halbes Jahrhundert später auf der 11. Documenta, hat sich das Spektrum dermaßen erweitert, dass Kunst aus allen Erdteilen zu sehen war.

Als der Afro-Amerikaner Okwui Enwezor im Herbst 1998 zum künstlerischen Leiter der Documenta11 bestellt wurde, war die Überraschung dennoch perfekt. Die Kunstwelt staunte nicht schlecht, als Enwezor einstimmig das Votum der Findungskommission erhielt. Er war, auch wenn er sich immer wieder gegen dieses Etikett gewehrt hat, der erste Nicht-Europäer, der mit dieser Funktion betraut wurde.

Enwezor, 1963 in Nigeria geboren, ging 1982 in die USA, um dort Literatur und Politik zu studieren. Bekannt wurde er einem größeren Publikum als Literaturkritiker, Lyriker und Essayist. Zur Kunst verschlug es ihn eher zufällig. Freunde und Bekannte schleppten ihn zu Kunstausstellungen und Diskussionen und Enwezor kam auf den Geschmack.

Der Weg zur bildenden Kunst

Ende der 80er Jahre begann er Kunstschauen zu konzipieren, wobei die von ihm 1997 kuratierte Johnannesburger Biennale einen ersten Höhepunkt darstellte. Im Guggenheim Museum in New York stellte er eine Ausstellung zur Fotografie in Afrika zusammen und 2001 präsentierte er in München die Schau The Short Century, in der er aus der Sicht von Literaten, bildenden Künstlern, Musikern, Architekten und Filmemachern die Unabhängigkeitsbewegungen in Afrika thematisieren ließ.

Außereuropäischer Schwerpunkt

Auf Afrika, Asien und Lateinamerika - also nicht das am Kunstmarkt führende Europa und die USA - richtet Enwezor seinen künstlerischen Blickwinkel. Das war auch bei der großen Kassler Schau zu spüren, auch wenn Enwezor immer wieder betonte, dass nicht die nationale Herkunft der ausgestellten Künstler wichtig sei, sondern, dass die Künstler sich mit den spezifischen gesellschaftlichen Problemen der jeweiligen Erdteile auseinander setzten. Dieses Ansinnen hat er bereits durch die im Vorfeld stattfindenden "Plattformen" unterstrichen. Eine internationale Debatte über die Situation der modernen Kunst trat Enwezor trotz seines gewichtigen Vorprogramms allerdings nicht los.

Die Vorläufer

Mit der Thematisierung von sozio-kulturellen Zusammenhängen und politischen Interdepenzen knüpft die Documenta11 bereits an die von Catherine David eingeschlagene Richtung der documenta X von 1997 an. Ihr eigentlicher Vorläufer ist aber die wohl spannendste und politisch wichtigste Kasseler Schau - die documenta 5 von 1972.

Damals wurde erstmals das rotierende Kuratorprinzip eingeführt und Harald Szeemann gestaltete eine Schau, die sich der Isolierung der Kunst von Gesellschaft und Politik entgegenstellte. Politisch engagierte Künstler protestierten damals gegen staatliches Gewaltmonopol, gegen behübschte Familienkunst, gegen die nationalsozialistische Vergangenheit von öffentlichen Personen, sowie gegen Folter und Diktatur in Südamerika.

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