Martin Behr Graz (SN). Wildes, opulentes Leben, grenzüberschreitende, farbintensive Kunst: In den späten 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts fungierten Stadtteile von New York als kreatives Tollhaus, gesellschaftliche Utopien, Befreiung von Zwängen und Experimente in der bildenden Kunst prägten den Alltag. Die Ausstellung "High Times, Hard Times: New York Painting 1965-1975" in der Neuen Galerie in Graz versucht diese turbulente Phase einzufangen, zeichnet auch den Wechsel von Euphorie zu Depression nach. Die von Katy Siegel und David Reed kuratierte Schau wurde Donnerstagabend eröffnet.
Das (drogenunterstützte) Flower-Power-Lebensgefühl machte sich auf Leinwänden breit: Abstrakte Malerei unter anderem von Kenneth Showell, Dan Christensen oder Ralph Humphrey kündete von einem Hunger nach Leben, von Expressivität und Aufbruch, vom Wunsch nach Bruch der Konventionen. Leinwände wurden zerschnitten, damit Schattenstrukturen an der Wand entstehen (Lee Lozano), an den Seitenflächen bemalt (Cesar Paternosto), aus dem Rahmen gerissen (Mary Heilmann) oder fragmentiert und neu zusammengeklebt (Al Loving). Etliche Kunstschaffende dieser Generation haben Berühmtheit erlangt, etwa Blinky Palermo, Elizabeth Murray, Yayoi Kusama oder Richard Tuttle. Andere wie Ree Morton oder Alan Shields sind auch in ihrer Heimat nahezu in Vergessenheit geraten. Was alle eint, ist der Einfluss, den die in Installationen, Performancekunst oder Video ausgreifende New Yorker Kunstbewegung dieser Zeit auf nachkommende Künstler ausgeübt hat.
"Wichtig war auch der soziale Kontext: Es gab in dieser Generation viele weibliche Künstler und Afroamerikaner", erläutert Kuratorin Katy Siegel. Die Emanzipation der Frau, sexuelle Befreiung, Happenings oder Proteste gegen den Vietnamkrieg, das alles floss in die kreativen Prozesse mit ein. Körperlichkeit und politische Agitation vereinte etwa Carolee Schneemann in ihren Videos. Anders wiederum ist die Kunst von Guy Goodwin. Hier berichten breite, massige Bahnen in den Primärfarben von einer Klarheit der Form und einer gestischen Musikalität: "C-Swing."
Die Ausstellung "High Times, Hard Times", die die Faszination von Malerei umkreist, endet in einer Zeit, in der etliche Träume gekippt sind. Auf den Funken sprühenden "Summer of Love" folgte ein Herbst voll ökonomischer Probleme, Resignation, Politfrust und urbaner Aggression. (Bis 24. 2.)
"Kassettendecke" mit Material vom Flohmarkt Im Studio der Neuen Galerie zeigt der "Sampling"-Spezialist Michael Gumhold neue Arbeiten. Aus Kabelbinder und ausrangierten Musikkassetten, bei Flohmärkten von Nachlässen erworben, fertigt der 29-jährige Grazer eine streng formalistische "Kassettendecke" an. Der nostalgische Charme der Tonträger verbindet sich über die an Grundrisse erinnernde Anordnung zu einer gleichsam schwebenden Skulptur der Vergänglichkeit. Und aus rohem Sperrholz baut Gumhold - durchaus bequeme - Sitzmöbel-Designklassiker nach. (Bis 20. 1.)






