Klänge fischen
Ars Electronica. Aus dem Meer und dem Eis holt Jana Winderen eigenwillig schöne Sounds. In Linz wird sie dafür ausgezeichnet.
CLEMENS PANAGL Stille Wasser sind tief, behauptet ein altes Sprichwort. Umgekehrt funktioniert die Weisheit aber nicht: Tiefe Wasser sind keineswegs still. Wenn die norwegische Klangkünstlerin Jana Winderen ihre sensiblen Unterwassermikrofone tief ins Meer taucht, dann fängt sie die Soundvielfalt aus einer anderen Welt ein. Auf dem Album „Energy Field“ (erschienen bei dem Label Touch) hat sie ihre akustische Beute von Reisen in die Barentssee oder zu den Gletschern Grönlands zu Hörstücken verdichtet. Beim Linzer Medienkunstfestival Ars Electronica, das heute, Mittwoch, beginnt, wird sie dafür mit einem Hauptpreis ausgezeichnet, der „Goldenen Nica“ in der Sparte Digitale Musik.
Über ihre Faszination für das Leben im Verborgenen sprach Winderen, die derzeit auch für Francesca von Habsburgs Langzeitprojekt „A Living Archive“ zur See fährt, mit den SN.Wenn Sie Ihre Mikrofone ins Wasser tauchen, können Sie hören, was in der Tiefe passiert. Aber Sie können es nicht sehen. Ist das nicht unheimlich? Winderen: Unheimlich? Nein. Aber aufregend ist es jedes Mal. Ich kann hören, ob der Sound von einem Lebewesen kommt, oder nicht. Einiges kann ich auch zuordnen: Ich erkenne das charakteristische Grunzen eines Kabeljaus, oder den Schellfisch. Aber es gibt auch Dinge, wo ich mir nicht sicher bin. Für mich ist diese Ungewissheit faszinierend. Denn ich habe zwar einmal Meeresbiologie studiert, aber ich bin keine Wissenschafterin. Als Künstlerin habe ich da die Möglichkeit, auch ein bisschen mit Fiktion zu spielen. Welche Klänge haben Sie besonders fasziniert? Winderen: Bei meiner ersten Reise nach Island bin ich auf den größten Gletscher marschiert und habe meine Mikrofone tief in eine Eisspalte versenkt. Ich konnte nicht glauben, wie das klang! Wie eine riesige Maschine. Ich konnte hören, wie sehr das Eis in Bewegung ist. Für mich wurden die Gletscher durch diese Hörerfahrung zu riesigen Kreaturen.
Auch als ich für „Energy Field“ nach Grönland gefahren bin, habe ich das erlebt. Das Eis dort ist 10.000 Jahre alt und unheimlich dicht. Ich habe die Mikrofone 60 Meter versenkt, um diese komprimierte Energie einzufangen, den Krach, mit dem das Eis bricht.
Unlängst habe ich aber auch Wasserinsekten aufgenommen, die für ihre Größe erstaunlich laute Geräusche produzieren.
Ist das nicht ein einsamer Job? Winderen: Ja – aber großartig!Und manchmal gefährlich? Winderen: Ich bin auf den Gletschern sicher ein paar Lawinen zu nahe gekommen, weil der Sound einfach so gut ist. Wie kam es zur CD „Energy Field“, für die Sie bei der Ars Electronica ausgezeichnet werden? Winderen: Ich wurde von der Plattenfirma Touch eingeladen, das zu machen. Das ist mein erstes Album. Ich komme ja von der bildenden Kunst – in anderen Projekten habe ich zum Beispiel Klang-Installationen realisiert (derzeit zu hören etwa im Projekt „A Morning Line“ in Wien, Anm.), mit denen die Zuschauer interagieren können. Ich arbeite gern mit verschiedenen Formaten. Wie sehr haben Sie die Aufnahmen im Studio verändert? Winderen: Der Kompositionsprozess beginnt eigentlich schon auf dem Boot. Wenn ich etwas höre, was mich interessiert, dann folge ich dem Klang, um das beste Ergebnis zu erzielen. Im Studio arbeite ich dann gern mit drei Ebenen: Auf einer sind Details zu hören, auf einer zweiten Geräusche, die eine räumliche Orientierung geben, und auf einer dritten ein Basissound, vielleicht ein Dröhnen oder ein Pulsieren.
Die Frage, ob es Leben jenseits unserer Wahrnehmungsgrenzen gibt, beschäftigt Theologen ebenso wie Esoteriker. Warum interessieren Sie sich für verborgenes Leben im Meer? Winderen: Ich finde Dinge faszinierend, die nicht völlig erforscht sind. Und ich schaue eben lieber in die Tiefe als zu den Sternen. Im Meer gibt es so viel zu entdecken. All die Lebewesen, die unter der Oberfläche existieren, und Klänge zur Orientierung oder Kommunikation nutzen, die wir nie hören können. Auf diese Art kann man auch mehr Verständnis für das Meer gewinnen. Nur die Walgesänge sind schon seit längerer Zeit bekannt. Sie wurden sogar schon reichlich ausgebeutet. Arme Wale!
Wie sind Sie zur Arbeit mit Sound gekommen? Winderen: Ich habe keinen besonderen musikalischen Hintergrund. In einer Band habe ich nie gespielt. Aber als bildende Künstlerin entschloss ich mich 1993, keine materiellen Objekte mehr zu machen. Mich hat diese skulpturale Qualität des Klangs fasziniert. Heute bin ich stolz, dass mein Studio auf zehn Quadratmetern Platz findet. Sonst hätte ich mittlerweile ein Lagerhaus voller Skulpturen angesammelt. Im Oktober werden Sie beim Festival Phonofemme in Wien den Klang der Donau aufnehmen. Was erwarten Sie zu hören? Winderen: Das ist Teil eines Langzeitprojekts zwischen Schwarzwald und Bosporus. Ich habe also schon einige Aufnahmen von der Donau gemacht. Auf dem Fluss herrscht allerdings sehr starker Verkehr, in den Seitenarmen kann man mehr hören. Hören Sie durch Ihre Arbeit auch mit anderen Ohren, wenn Sie durch die Stadt gehen? Winderen: Ich glaube schon, dass ich sensibilisiert bin. Gegen den Lärmstress in der Stadt ist allerdings schwer etwas auszurichten.
Aber durch meine Arbeit haben auch meine Töchter angefangen, genauer hinzuhören. Man kann Ohren fokussieren wie den Blick. Ich glaube, darüber lernt man in der Schule nicht sehr viel.




















