Mega-Kultur

Die Frage kann nicht lauten: gibt es in den Wohlstandsländern zuviel Kultur. Sie muss vielmehr lauten: wie ändert sich die Rolle von Kunst im heutigen Leben unter dem Aspekt der ständigen Verfügbarkeit?


Wussten Sie, dass allein in Europa jedes Jahr rund 20 neue Kunsthallen und Museen eröffnen? Dass allein in Deutschland jährlich mehr als 80.000 Bücher erscheinen? Und dass die Wiener Museen im Schnitt täglich etwa 17.000 Besucher haben?

Wer in einer Großstadt lebt, kennt diese gewisse Mischung aus Euphorie und Hilflosigkeit beim Durchblättern des Stadtprogramms: Was für ein Luxus, diese Menge von Veranstaltungen. Die Kehrseite: um auf dem laufenden zu bleiben, müsste man jeden Abend an 50 Orten gleichzeitig sein.

Dynamisierung der Szene

"Es entsteht in der Szene eine Dynamisierung - mehr wird zu mehr und ruft mehr auf den Plan", weiß Sabine Dreher, Kuratorin und Kunstberaterin für Firmen und Mitglied des Kunst- und Designplattform "liquid frontiers". "Und durch das Crossover wird das Angebot der verschiedenen Institutionen immer ähnlicher. Kunsthallen, Theater oder Programmkinos liefern die Vortragsreihe oder das Clubbing gleich mit. So ergibt sich eine viel größere Dichte an Programmen", so Dreher.

Und ihr Kollege Christian Muhr überlegt: "Soll man sich die Einschätzung zugestehen, dass es zuviel gibt? Wir haben uns ja alle gewünscht, dass es pluraler und intensiver wird. Was passiert, wenn dieselben Protagonisten, die die Demokratisierung und Öffnung des Kulturlebens gefordert haben, nun sagen: Jetzt reicht es uns aber? Und vor allem: wo wollen sie dann hin - zu einer sehr elitären oder separatistischen Auffassung von Kultur?"

Publikums-Befragung

Aus einer Publikumsbefragung während einer langen Museumsnacht: "Mit Kultur kann man nach einem Arbeitstag abschalten, sich informieren und genießen". "Das Kulturangebot ist viel größer geworden. Bei mir persönlich wirkt sich das so aus: es ist nicht mehr so einmalig, ich gehe einfach mal so rein - ohne das jetzt tief in mich aufzunehmen."

Kultur wird von immer breiteren Schichten quasi als seelisches Wellness-Angebot entdeckt. Die Werbewirtschaft hat das längst begriffen. Nicht zufällig tauchen immer wieder Kunst-Sujets auf Plakatwänden auf.

Venus für Joghurt-Werbung

"Dolce Vita"-Reihe / ©Bild: noem.at

Derzeit wirbt in Österreich die Venus von Botticelli für ein Joghurtdessert. Und ein großes Versicherungs-Unternehmen zeigt in seiner aktuellen Kampagne eine junge Frau, die als Kunst-Star der Zukunft dargestellt wird. Sie schüttet schwungvoll weiße Farbe aus einem Kübel.

Überhaupt wird die Membran zwischen Kunst und Wirtschaft immer durchlässiger. Top-Manager bekommen Kreativ-Training von Künstlern; in Österreich kommt dieser Trend aber mit Verspätung. Dagegen gibt es in Großbritannien bereits Agenturen, die Management-Seminare mit Trainern aus dem Kunstbereich anbieten. Ein Beispiel dafür: The Fourth Room.

Koolhaas-Kooperation mit Prada

Oft werden Stararchitekten und Bildende Künstler für die Ausstattung von hochpreisigen Shops engagiert. Das berühmteste Beispiel: Die Kooperation zwischen Rem Koolhaas und Prada.

Elisabeth Schweeger, derzeit Intendantin am Schauspielhaus Frankfurt und Kuratorin des Österreich-Pavillons bei der Biennale in Venedig, sieht auch die Risiken dieser Entwicklung. "Wenn Prada ein Geschäft baut, das gleichzeitig Ausstellungs-Raum, Theater, Performance-Raum und Verkaufs-Raum ist, kann man einerseits sagen: Klasse, die Kunst hat sich so behauptet, dass sie ein Teil des Alltäglichen - in diesem Fall von Verkaufsüberlegungen - wird. Die Frage ist für mich allerdings, ob die Kunst da nicht auch benutzt wird. Denn wenn die Dialektik von Kunst und Kommerz so nahe beieinander liegt, kann das auch zu einer Banalisierung der Kunst führen", so Schweeger.

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