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derStandard.at | Kultur | Bildende Kunst 
18. November 2004
19:57 MEZ
Von
Markus Mittringer

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mumok.at

Bis 6.Februar

 
Foto: mumok
Gerwald Rockenschaub im mumok

Nie war Nichts so schön
Das Museum Moderner Kunst zeigt Gerwald Rockenschaub - Vorsichtshalber liegt eine dicke Gebrauchsanleitung bei

Der gestaltete die Rückschau auf sich selbst zur zeitlos schicken Hülle für die Assoziationen von professionellen wie Gelegenheitsbetrachtern.


Wien - "Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog mit zahlreichen Abbildungen und Texten." Der Satz wirkt beruhigend, und steht deshalb auch immer am Schluss der Ankündigung zu jeder Ausstellung. Bei Retrospektiven galt der Satz auch früher schon als obligat. Seitdem aber gegen Ende des letzten Jahrhunderts jemand keck festgestellt hat: "Der Katalog ist die Ausstellung!", wird stets auch ein vertiefendes Beiwerk geliefert – ein Dokument, der Beweis.

Die aktuelle "Akte Rockenschaub" ist vorbildlich, die bisher umfangreichste zum Oeuvre des in Berlin sesshaft gewordenen Österreichers. Sie liefert, was die beigestellte Schau nicht liefern will: den Werküberblick, das Standard-Wissen zu den Jahren 1980 – 2004, nebst beigestellten Leit- und Lobartikeln samt Quellennachweis und Methodenlehre.

Der vorläufig ganze Rockenschaub ist schmutzabweisend in PVC gebunden und von einem perfiden Altrosa – auffällig genug, von keiner Bücherflut verschlungen, dezent genug, von keiner Mode vereinnahmt zu werden. Er ist eiperfektes Stück Mid Career Survey, wie es nur die Besten der heute um die 50-jährigen Hoffnungsträger der 80er-Jahre zustande bringen. Womit wir jetzt bei Heimo Zobernig wären, der im Dezember 2002 im Mumok auf seinen Karriereweg zurückgeblickt hat.

In aller Fülle hat der damals gezeigt, was alles so angefallen ist, bis es erst zur Documenta-Plattform kommen konnte. Zobernigs Zusammenschau war die bis dato einzige in der jungen Geschichte des so verbauten Hauses, die Glück verströmte.

Gummiwaren fürs Auge

Gerwald Rockenschaub hat jetzt gleich gezogen, hat eine Schau geliefert, die bloß Momente braucht, als gut erkannt zu werden. Wenige Versatzstücke nur hat er bemüht, den Nerv zu treffen, ein paar Gummiwaren reichten aus, die Lust herauszufordern.

"Augensex" nennt er seine Anleitung zum symbolischen Akt im Kopf schon länger. Noch nie hat er diesen derart klar zum Höhepunkt gebracht. Durch Animationen im Dunkeln führt sein Leitsystem zu lichtdurchfluteten Prototypen eines ewig schicken Nichts. In das hinein sich dann glücklich kommen lässt, mit allem, was der Kopf gerade hergibt.

Rockenschaub formt wie kaum einer sonst Behälter von einer unbegrenzten Aufnahmefähigkeit für Ergüsse egal welcher Natur. Seine Volumina für Hinzufügungen jeder Art sind ebenso gute Abnehmer für die gewandten Worte, die etwa die Akte zur Schau füllen, wie sie auch derberes oder profaneres Assoziationsgut unbeschädigt absorbieren. Wo sich der Gelegenheitskonsument am gebändigten Bunt eines Ausblicks erfreut, wird der Kunstbetrachtungsprofi seine Lust in einem Referenzstakkato befriedigt finden. Rockenschaub hat das Handwerk des Rahmenmachens perfektioniert.

Er liefert Universalbegrenzungen, die jede Projektion in Form bringen, Folien, hinter denen jedes Bild ins Loft passt, Sockel, das x-Beliebige zu erheben. Und wenn das zu groß ist, dann reicht schon ein Schemel, von dem aus das Loft selbst zum Objekt des Begehrens wird, dann genügt die Idee einer Treppe, von der aus man endlich über den Zaun blicken könnte, um den Voyeur in uns und damit das Kitzeln im Schritt zu wecken.

Und aus der Distanz betrachtet, weiß Rockenschaub, wird selbst sein Frühwerk, werden auch noch die Piktogramme in Öl auf Holz zu Augenfallen. Und so gebietet eine dicke rote Kordel auf schweren Messingständern eben Abstand zu den kleinen Jugendwerken und Respekt vor dem, was fern liegt wie die fröhlichen 80er-Jahre, als man Neo-Geo erfand, einen Haken ins Eis stieß oder sonst etwas erfüllte, was der Geist der Zeit gebot. Rockenschaub reinigt, tilgt, macht Platz. Der Einrichtungsberater hat im Museum Moderner Kunst sein Meisterstück geliefert. Merke: Rahmenbedingungen sind immer gleich gut. In diesem Fall galt es eben 4296 Kubikmeter Raum in einen Massagesalon für stets bereite Sehnerven zu transformieren.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.11.2004)


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