„Die Presse“: Was wünschen Sie sich zu ihrem 85. Geburtstag am 1. März? Fürchten Sie, dass Ihr Image durch die Debatte um Raubkunst im Leopold-Museum beschädigt wird?
Rudolf Leopold: Ich möchte mich voll und ganz der Kunst widmen. Natürlich mache ich mir Sorgen, vor allem, wenn gewisse Leute ständig über mich herziehen. Es gibt aber auch positive Erlebnisse, wenn ich z. B. in der National Gallery in London von einem Deutschen angesprochen werde, den ich nicht kenne. Er sagte: „Ich habe in Wien Ihre Sammlung gesehen. Ich beglückwünsche Sie.“ Er hat vorgeschlagen, wir sollen einen Opferstock für Spenden für den Prozess um Schieles „Wally“ in den USA (1998 beschlagnahmt) aufstellen.
Haben Sie irgendwelche besonderen Pläne?
Leopold: In Mailand wurde gerade unsere spektakuläre Schiele-Schau eröffnet, wir setzen damit den grandiosen Erfolg von Wien 1900 in Italien fort. Es folgt zu meinem Geburtstag eine große Aquarellausstellung im Leopold-Museum. Wir zeigen mit der Mathildenhöhe (Museum, Ausstellungshaus in Darmstadt) die bisher größte Retrospektive des Jugendstilgenies Joseph Maria Olbrich. Im Herbst wird es eine Kooperation mit der Sammlung Beyeler in Basel geben. Wir zeigen in Basel Meisterwerke zu Wien 1900, in Wien Giacometti, Cézanne, Picasso.
Schiele erzielt Rekordpreise. Hängt dieser Hype mit den Restitutionsgeschichten zusammen? Wie ist es überhaupt zu der Schiele-Hausse gekommen? Wie wird es weitergehen?
Leopold: Mit den Restitutionsgeschichten hat das nichts zu tun. Ich halte Schiele für den größten österreichischen Künstler des 20. Jahrhunderts. Ich habe einiges getan, um zu seinem Durchbruch beizutragen. 1956 veranstaltete das Stedelijk Museum in Amsterdam eine Ausstellung moderner österreichischer Kunst. Als junger Sammler wurde ich von Willem Sandberg, dem Direktor des Museums, eingeladen, den Schiele-Beitrag zusammenzustellen. Die FAZ schrieb damals: „Der bisher unbekannte Schiele rückt mit einem Schlag in die erste Reihe der europäischen Zeichner auf.“
Was ist mit Otto Kallir (1894–1978, in Wien geboren, namhafter Galerist, Emigrant, Großvater der Schiele-Expertin Jane Kallir)? War nicht auch er an dem Schiele-Boom beteiligt?
Leopold: Otto Kallir hat bis dahin nur wenige Werke von Schiele und Klimt in New York verkaufen können. Schiele war unpopulär. Die Leute haben gesagt, was ist das für ein degenerierter Maler, ein Pornograf! Das war besonders in Österreich das Urteil, hier hat sich diese Nazi-Ideologie lange gehalten. Ich dachte, entweder sind die anderen dumm oder ich – und habe weiter Schiele gesammelt. Ein Aquarell hat in den Fünfzigern 150 Schilling gekostet. Schiele ist um das Zehn- bis 30.000-Fache gestiegen.
Zwei vom Bildungsministerium bezahlte Provenienzforscher haben elf Dossiers mit 23 Kunstwerken aus der Sammlung der Leopold-Stiftung ausgewählt. Diese werden jetzt von einer Kommission geprüft. Wenn der Leopold-Stiftung Bilder zur Restitution empfohlen werden, was werden Sie tun?
Leopold: Wir wollen uns vergleichen. Wir werden zahlen – angemessene Preise.
Bei wie vielen Bildern rechnen Sie mit einer Empfehlung für die Rückgabe?
Leopold: Das einzige Bild, das wirklich entzogen wurde, ist Schieles „Häuser am Meer“ aus dem Besitz von Jenny Steiner. Das Bild habe ich 1953 erworben. Das NÖ Landesmuseum wollte 5000 Schilling für das Bild zahlen, der spätere Bundeskanzler Leopold Figl hat 3000 geboten. Ich habe 12.000 Schilling gezahlt, weil ich nicht wusste, wie niedrig die anderen Offerte waren. Für die 12.000 Schilling habe ich ein Jahr Latein-und Mathematiknachhilfe gegeben.
Stimmt es, dass Sie gedroht haben, den Vorstand der Leopold-Stiftung, in dem auch Vertreter der öffentlichen Hand sitzen, zu klagen, wenn der Vorstand zustimmt, dass Erben von NS-Opfern Gemälde herausgegeben werden?
Leopold: Nein. Die Vorstandsmitglieder haben sich längst auf eine Vorgangsweise geeinigt, auch der Vertreter von Ministerin Claudia Schmied ist dafür, dass wir uns vergleichen. Auch bei „Häuser am Meer“. So wird das auch international gemacht.
Bei der „Wally“ droht ein Geschworenenprozess in New York, nebst gewaltigem Medienwirbel, der weder für die Leopold-Stiftung noch für Österreich gut ist. Werden Sie in die USA fahren und im Prozess aussagen?
Leopold: Nein. Ich finde, es wird in dieser Sache vieles sehr einseitig dargestellt. Ein Beispiel: mein Treffen mit der ursprünglichen Besitzerin der „Wally“, Lea Bondi-Jaray, in London. Sie sagte zu mir: „Gehen Sie ins Belvedere, holen Sie das Bild und schicken Sie es mir.“ Was sollte ich davon halten? Es war im Jahr 1953, in Österreich gab es die Restitutionsgesetze, Frau Jaray hatte ihre (arisierte) Galerie zurückerhalten. Nun sollte ich, juristisch unerfahren, einfach das Bild abholen. Zurückgekehrt in Wien versicherte mir die Österreichische Galerie, dass das Bild von den Erben Heinrich Riegers (denen es die Amerikaner versehentlich restituiert hatten, Red.) erworben worden war. Frau Jaray hat ihren Anspruch auf das Bild weder bei der Österreichischen Galerie noch bei Gericht noch bei Friedrich Welz (der ihre Galerie 1938 kaufte bzw. „arisierte“) oder den Rieger-Erben erhoben.
Man könnte meinen, bei der Vielzahl der Schieles, die Sie haben, könnten Sie auf die „Wally“ leichten Herzens verzichten.
Leopold: Nein. Das Bild ist deswegen so wichtig, weil es mit dem „Selbstbildnis mit Judenkirsche“ ein Gegenstück bildet, es sind die einzigen Gegenstücke, die Schiele gemalt hat. Mit dem Gemälde „Kardinal und Nonne“ wird daraus ein prächtiges Trio.
Fühlen Sie sich als Geisel genommen für all das Unrecht – Mord und Verfolgung –, das Juden im Dritten Reich erlitten haben?
Leopold: Was geschehen ist, war furchtbares Unrecht. Meine Familie wurde zwar nicht umgebracht, hat aber existenziell sehr gelitten, ein Onkel hat das KZ überlebt. Im letzten Kriegsjahr bin ich untergetaucht, weil ich nicht für Hitler kämpfen wollte. Ich habe mitgeholfen, die Klassische Moderne Österreichs wie Klimt, Schiele, Egger-Lienz, Kokoschka und Gerstl auf der ganzen Welt bekannt zu machen. Kunstwerke im Wert von mehr als 500 Millionen Euro habe ich hergeschenkt und das Leopold-Museum ist bekannt und beliebt im In- und Ausland. Ich hätte gedacht, dass man sich anlässlich meines 85. Geburtstages auf meine Lebensarbeit und meine Leistungen konzentriert.
Was soll man über Sie einmal sagen?
Leopold: Dass ich der wichtigste Sammler war und bewirkt habe, dass Schiele weltbekannt geworden ist. Mein größtes Vorbild war der jüdische Großindustrielle Albert Figdor (1843–1927). Traurigerweise wurde seine Sammlung zerstreut.
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