Leni Riefenstahl würde das sicher gefallen. Was
sowjetische Photographen in den zwanziger und dreißiger Jahren auf Papier
bannten, unterscheidet sich wenig von der "Ästhetik" des
Nationalsozialismus. Künstler, die zuvor mit der noch jungen Photographie
die Malerei nachgeahmt hatten, stellten die neue Technik in den Dienst der
Ideologie, des Kommunismus, der Diktatur Stalins. Über politische
Parallelen zwischen Ost und West läßt sich trefflich streiten.
Interessanter ist, wie der Realismus bewirkte, daß die
Photographie aufhörte, Garnitur der bildenden Kunst zu sein, sich
emanzipierte, die Malerei überflügelte. "Sowjetische Photographie der
1920er/1930er-Jahre. Von Piktorialismus und Modernismus zum
Sozialistischen Realismus" heißt die Ausstellung im Wiener Historischen
Museum, die diese Entwicklung illustriert.
Es ist die Austausch-Schau zu "Blickfänge aus Wien
1860-1910" aus den Sammlungen des Historischen Museums, zu sehen 2001 zur
Eröffnung der neuen Räume des Moskauer Hauses der Photographie.
Konstruktivismus und moderne Photographie,
Photoreportage, Dokumentarismus sind eng miteinander verbunden. Künstler
wie Alexander Rodtschenko oder El Lissitzky malten und photographierten -
und beeinflußten die jüngeren. Alexander Grinberg (1885-1979) war einer
der anerkanntesten Photographen im Zarenreich wie in der Sowjetunion. Voll
unschuldiger Schönheit ist seine "Frau mit Stern" (1923), nackte Frauen
spielen mit Sonnenschirm und Ball, nehmen Posen ein wie vom Bildhauer
gemeißelt. Dazu gibt es Aufnahmen sportlicher Bewegungsstudien. Die
meisten der Photographen in der Schau waren politisch verfolgt, auch
Grinberg wegen "Dekadenz". Max Penson (1893-1959) floh vor antisemitischen
Pogromen aus Weißrußland nach Usbekistan. Sein "Sitzungszimmer des
zentralen Exekutivkomitees von Usbekistan" (1935) zeigt, wohl ungewollt,
die ermüdete Revolution. Die meisten Aufnahmen handeln vom Aufstieg der
Arbeiterschaft, Aufbruch, von Großbauten, dem Kampf mit der Natur und
ihrer Unterwerfung, Jugend, Schönheit, Sport. Dämonisch, provokant blickt
der Dichter Majakowski in Alexander Rodtschenkos Kamera. Ganz traditionell
dagegen: Babuschka, die Mutter des Konstruktivisten mit Kopftuch.
So erhellt die Ausstellung mit Photos u. a. von
Boris Ignatowitsch, Georgi Petrussow, Alexander Chlebnikow, Wassili Ulitin
die Bewegungen von Kunst und Politik, den Zusammenprall des alten mit dem
(vergebens) erhofften, neuen Leben. bp
Bis 20. Oktober. Geöffnet Dienstag bis Sonntag 9 bis
18 Uhr, Eintritt für Erwachsene 3,60, Familien: 5,40 Euro. Katalog: 30
Euro.
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