Ai Weiwei und die Kunst der Unterdrückung
Repressalien. Chinas Regime lässt den weltbekannten Künstler abführen. Ausreise nach Hongkong wurde ihm verweigert.
peer junker peking (SN). Es ist ein weiteres Zeichen, dass sich die Menschenrechtslage in China in den letzten Monaten dramatisch verschlechtert hat. Der weltbekannte Künstler Ai Weiwei wurde am Sonntag gegen 9.30 Uhr auf dem Pekinger Flughafen von der Ausreise nach Hongkong abgehalten. Ein Mitarbeiter des Künstlers bestätigte gegenüber den SN, dass Ai Weiwei von Beamten der Grenzpolizei abgeführt worden sei. Zuvor hatten Freunde des Künstlers über Mikroblog-Dienste von dessen Verhaftung berichtet. Seither ist Ai Weiwei nicht zu erreichen. Bisher war nicht zu erfahren, ob Ai Weiwei offiziell festgenommen wurde und warum ihm die Behörden die Ausreise verweigerten. Ein befreundeter Künstler und Nachbar berichtete von einem erhöhten Polizeiaufgebot vor Ai Weiweis Anwesen. Einige Straßen seien abgesperrt worden. Die Polizei soll eine Hausdurchsuchung vorgenommen haben. Außerdem wurden auch mehrere Mitarbeiter festgenommen und zur Vernehmung auf eine örtliche Polizeiwache gebracht.
Der politisch engagierte Künstler hat mit zunehmender Schärfe die Politik der kommunistischen Regierung kritisiert. Diese geht seit Monaten massiv gegen Regimekritiker vor, nachdem im Internet anonyme Aufrufe zur „Jasmin-Revolution“ nach arabischem Vorbild in China verbreitet wurden. Zahlreiche Bürgerrechtler wurden verhaftet oder sind verschwunden. Laut der Menschenrechtsorganisation Chinese Human Rights Defenders (CHRD) werden seit Mitte Februar außerdem mehr als 200 Aktivisten in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. „Das Vorgehen der Sicherheitsbehörden ist seit 1998 nicht mehr so schlimm gewesen“, erklärte der internationale Direktor von CHRD, Renee Xia. Damals wurden mehrere Dutzend Aktivisten verhaftet, die eine demokratische Partei in China gründen wollten. Ai Weiwei hat offensichtlich geahnt, dass ihn seine Berühmtheit in dieser Phase der Repressionen nicht dauerhaft schützen wird. Wohl auch deshalb hatte der 53-Jährige bekannt gegeben, neben seinem Atelier in Peking ein Studio in Berlin eröffnen zu wollen. Als Flucht wollte er dies aber nicht verstanden wissen.
Nicht zum ersten Mal gerät Ai Weiwei mit den chinesischen Behörden aneinander. Bereits kurz vor der Verleihung des Friedensnobelpreises an den inhaftierten Bürgerrechtler Liu Xiaobo hinderte ihn die Polizei an der Ausreise. Sein Atelier in Schanghai wurde im Februar abgerissen, eine für März geplante Werkausstellung in Peking auf Druck der Behörden abgesagt. Vor dem Pekinger Studio des Künstlers sind Überwachungskameras installiert, sein Telefon und Aktivitäten im Internet werden überwacht. Die Polizei übt nicht nur Druck auf Ai Weiwei selbst, sondern auch auf Bekannte und Freunde aus. Nach Angaben von Ai Weiwei ist die Polizei schon mit Gewalt gegen ihn vorgegangen. Im August 2009 hatten ihn Polizisten in der Stadt Chengdu in der Provinz Sichuan zusammengeschlagen, als er zur Unterstützung des Aktivisten Tan Zuoren in die Stadt gereist war.
Das Vorgehen ist auch deshalb brisant, da es kurz nach der Abreise des deutschen Außenministers Westerwelle kommt, der bei seinen Gesprächen in China die Einhaltung der Menschenrechte angemahnt hatte. Westerwelle hatte für die Freiheit des Einzelnen und mehr Toleranz geworben. Zugleich hob er hervor, dass es den Menschen in China zunehmend möglich werde, selbstbestimmt eigene Ziele zu verfolgen. Ein Eindruck, den wohl nur wenige Beobachter teilen.











