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Venedig: Goldener Löwe für Schlingensief-Pavillon

04.06.2011 | 17:31 | von Sabine B. Vogel (DiePresse.com)

Der deutsche Pavillon bei der Kunstbiennale von Venedig wurde nach den Ideen des im Vorjahr verstorbenen Künstlers Christoph Schlingensief gestaltet.

Die Bühne der „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ steht im Hauptraum des deutschen Pavillons: Er ist Christoph Schlingensief gewidmet, der als Gestalter vorgesehen war, doch 2010 gestorben ist. Nun hat dieser enorm pathetisch inszenierte Pavillon den Hauptpreis bekommen: den Goldenen Löwen der Biennale.

Als bester Künstler wurde der US-Amerikaner Christian Marclay ausgezeichnet – für den 24-Stunden-Film „The Clock“, der durch Kombination von Filmausschnitten eine immerwährende Gegenwart erzeugt. Der Silberne Löwe ging an den Briten Haroon Mirza. Sonderpreise gab es für die schwedische Künstlerin Klara Liden und den lettischen Pavillon.

Spätestens seit Bekanntgabe der Preise steht die längste Menschenschlange jedenfalls vor dem deutschen Pavillon. Das meistfotografierte Werk aber ist der Panzer vor dem Pavillon der USA. Wie ein toter Riesenkäfer auf den Rücken gedreht, wirkt das militärische Gerät mitten in den Giardini befremdlich – und doch symbolisch. Denn nirgendwo kommen sich Kunst und Politik durch die Zeiten so nahe wie auf der Biennale Venedig. Schon die Gründung dieser Megaausstellung hatte einen politischen Hintergrund: 1894 erklärte der Bürgermeister von Venedig die Kunst als „eines der wertvollsten Elemente der Zivilisation“ zur „brüderlichen Vereinigung aller Völker“ – natürlich nur der westlichen, der Rest der Welt galt als unzivilisiert.



Anfangs zeigten sich alle eingeladenen Nationen ganz brüderlich in nur einem einzigen Haus. 1907 baute sich dann Belgien einen eigenen Pavillon – und schon im nächsten Jahr begannen die Bauarbeiten für die weiteren Häuser von Ungarn, England und Deutschland. Das war damals ein naheliegender Schritt, denn in dem einen Pavillon kamen 1907 unglaubliche 766 Künstler mit 1760 Werken zusammen – davon aber nur 127 Nichtitaliener. Österreich erhielt erst 1934 ein eigenes Haus, das aber schon zur 21. Biennale 1938 gemäß dem „politischen Anschluss an Deutschland“ leer stand. Eigentlich sollte der Josef-Hoffmann-Bau damals verkauft werden – es kam nicht dazu.

Dominanz des Westens ist vorbei. Trotz Krieg wurden 1940 noch rund 3000 Kunstwerke nach Venedig transportiert. 87.000 Besucher reisten an. Selbst zur 23. Biennale 1942, mitten im Krieg, kamen noch immer 76.000. Dann schloss die Biennale, das Gelände wurde als Lager, dann für Filmstudios genutzt. 1948 eröffnete die Biennale wieder, es kamen über 200.000 Menschen – das Interesse an Kunst, das zeigt die Geschichte dieser Biennale, ist eine Konstante unserer Gesellschaft und bleibt trotz widriger Umstände bestehen.

Genau das kann man heuer zur 54. Ausgabe beobachten. 89 Nationen rücken ihre Künstler ins Licht der globalen Welt – denn die Dominanz der westlichen Welt, das zeigt diese Biennale deutlich, ist vorbei. Allerdings stehen nur 29 Pavillons auf dem begehrten Gelände der Giardini. Länder wie Saudiarabien und Indien, die erstmals teilnehmen, erhalten einen permanenten Platz im nahe gelegenen Arsenale, einem ehemaligen Marinegelände.

1,7 Millionen Dollar mussten sie dafür investieren – immerhin für einen 20-Jahres-Vertrag. Andere Länder wie Luxemburg und Irland, Haiti und Mexiko bespielen quer über die Stadt verteilt Räume in Kirchen, Schulen und Palästen. Trotz der Umbrüche im Nahen Osten nehmen auch Länder wie Ägypten, Syrien, Irak und der Iran teil. Nur Libanon und Bahrain sagten ab. Für die Politik ist die Biennale ein bedeutendes Forum, um Stärke und Innovationsfähigkeit, oft auch erste Demokratisierungstendenzen, zu demonstrieren – wie heuer im ägyptischen Pavillon, in dem nicht mehr skurrile Staatskunst, sondern Filme über die Revolution am Tahrir-Platz in Kairo zu sehen sind.

Überhaupt ist die heurige Biennale eine der politischsten der letzten Jahrzehnte, häufig ist auch Kritik am Nationalitätenprinzip. Dazu muss man wissen, dass hier anders als in Museen nicht die Künstler eingeladen, sondern zunächst auf politischer Ebene offiziell die Nationen angefragt werden. Im zweiten Schritt bestimmen dann die Ministerien entweder den Kurator, eine Jury oder manchmal auch ohne Sachverstand direkt die Künstler.

Berlusconi engagierte Duzfreund.
Aber können und wollen Künstler überhaupt ihre Nation vertreten? Ist dieses Konzept überhaupt noch sinnvoll? Seit den 1960er-Jahren diskutiert, ist es bis heute nicht abgeschafft. Das hat gute Gründe, denn erstens bleibt nur so die Finanzierung dieser riesigen Leistungsschau gewährleistet.

Zweitens lassen sich an den Teilnehmerländern weltpolitische Verhältnisse ablesen: Schon früh wurde Japan eingeladen, Russland nahm jahrelang nicht teil, der „Jugoslawien“-Pavillon erzählt von einer vergangenen Konstruktion. Drittens eignet sich das Nationale gut als Reibungsfläche. Manche allerdings scheitern daran auch gewaltig, dies passiert heuer just dem Gastgeberland. Für seinen Beitrag bestellte Italien einen Kenner klassischer Kunst, einen Duzfreund Berlusconis. Er bat 200 Designer, TV-Größen und Historiker, je einen italienischen Künstler vorzuschlagen. Die meisten davon sind unbekannt – und werden es bleiben. Gäbe es Qualitätsprüfungen, müsste Italien disqualifiziert werden.

Soldaten in Kampfanzügen. Radikal dagegen Lee Yongbaeck für Korea: Sie lässt Soldaten mit Kampfanzügen in Blümchenmustern durch das Gelände marschieren und verwandelt den Pavillon mit einem Schussfeuer auf (Video-)Spiegel in ein bedrohliches Territorium. Großartig Polen, in dessen Pavillon die israelische Videokünstlerin Yael Bartana ihre „Polish Trilogy“ zeigt. Im ersten Teil bittet ein junger Mann in einer bewegenden Rede in einem leeren Stadion die Juden, doch wieder zurück nach Polen zu kommen. Im zweiten Teil sind einige, die wie jüdische Siedler der 1930er-Jahre gekleidet sind, dem Ruf gefolgt und bauen eine gefängnisartige Siedlung in Warschau auf. Der dritte Teil hat jetzt in Venedig Premiere: Der Redner ist ermordet worden.

Beeindruckend auch der Roma-Pavillon, der nahe dem Markusplatz im Haus der Unesco installiert ist und Videos, Vorträge, Lesungen, Performances zur katastrophalen Situation der Roma versammelt. In dieser komplexen Mischung aller Beiträge bestätigt die Biennale Venedig wieder ihre Bedeutung: Hier wird alle zwei Jahre eine weltpolitische Situation widergespiegelt.


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