Die Bühne der „Kirche
der Angst vor dem Fremden in mir“ steht im Hauptraum des deutschen
Pavillons: Er ist Christoph Schlingensief gewidmet, der als Gestalter
vorgesehen war, doch 2010 gestorben ist. Nun hat dieser enorm
pathetisch inszenierte Pavillon den Hauptpreis bekommen: den Goldenen
Löwen der Biennale.
Als bester Künstler wurde der US-Amerikaner
Christian Marclay ausgezeichnet – für den 24-Stunden-Film „The Clock“,
der durch Kombination von Filmausschnitten eine immerwährende Gegenwart
erzeugt. Der Silberne Löwe ging an den Briten Haroon Mirza.
Sonderpreise gab es für die schwedische Künstlerin Klara Liden und den
lettischen Pavillon.
Spätestens seit Bekanntgabe der Preise
steht die längste Menschenschlange jedenfalls vor dem deutschen
Pavillon. Das meistfotografierte Werk aber ist der Panzer vor dem
Pavillon der USA. Wie ein toter Riesenkäfer auf den Rücken gedreht,
wirkt das militärische Gerät mitten in den Giardini befremdlich – und
doch symbolisch. Denn nirgendwo kommen sich Kunst und Politik durch die
Zeiten so nahe wie auf der Biennale Venedig. Schon die Gründung dieser
Megaausstellung hatte einen politischen Hintergrund: 1894 erklärte der
Bürgermeister von Venedig die Kunst als „eines der wertvollsten
Elemente der Zivilisation“ zur „brüderlichen Vereinigung aller Völker“
– natürlich nur der westlichen, der Rest der Welt galt als
unzivilisiert.
Anfangs zeigten sich alle eingeladenen Nationen ganz
brüderlich in nur einem einzigen Haus. 1907 baute sich dann Belgien
einen eigenen Pavillon – und schon im nächsten Jahr begannen die
Bauarbeiten für die weiteren Häuser von Ungarn, England und
Deutschland. Das war damals ein naheliegender Schritt, denn in dem
einen Pavillon kamen 1907 unglaubliche 766 Künstler mit 1760 Werken
zusammen – davon aber nur 127 Nichtitaliener. Österreich erhielt erst
1934 ein eigenes Haus, das aber schon zur 21. Biennale 1938 gemäß dem
„politischen Anschluss an Deutschland“ leer stand. Eigentlich sollte
der Josef-Hoffmann-Bau damals verkauft werden – es kam nicht dazu.
Dominanz des Westens ist vorbei. Trotz
Krieg wurden 1940 noch rund 3000 Kunstwerke nach Venedig transportiert.
87.000 Besucher reisten an. Selbst zur 23. Biennale 1942, mitten im
Krieg, kamen noch immer 76.000. Dann schloss die Biennale, das Gelände
wurde als Lager, dann für Filmstudios genutzt. 1948 eröffnete die
Biennale wieder, es kamen über 200.000 Menschen – das Interesse an
Kunst, das zeigt die Geschichte dieser Biennale, ist eine Konstante
unserer Gesellschaft und bleibt trotz widriger Umstände bestehen.
Genau
das kann man heuer zur 54. Ausgabe beobachten. 89 Nationen rücken ihre
Künstler ins Licht der globalen Welt – denn die Dominanz der westlichen
Welt, das zeigt diese Biennale deutlich, ist vorbei. Allerdings stehen
nur 29 Pavillons auf dem begehrten Gelände der Giardini. Länder wie
Saudiarabien und Indien, die erstmals teilnehmen, erhalten einen
permanenten Platz im nahe gelegenen Arsenale, einem ehemaligen
Marinegelände.
1,7 Millionen Dollar mussten sie dafür
investieren – immerhin für einen 20-Jahres-Vertrag. Andere Länder wie
Luxemburg und Irland, Haiti und Mexiko bespielen quer über die Stadt
verteilt Räume in Kirchen, Schulen und Palästen. Trotz der Umbrüche im
Nahen Osten nehmen auch Länder wie Ägypten, Syrien, Irak und der Iran
teil. Nur Libanon und Bahrain sagten ab. Für die Politik ist die
Biennale ein bedeutendes Forum, um Stärke und Innovationsfähigkeit, oft
auch erste Demokratisierungstendenzen, zu demonstrieren – wie heuer im
ägyptischen Pavillon, in dem nicht mehr skurrile Staatskunst, sondern
Filme über die Revolution am Tahrir-Platz in Kairo zu sehen sind.
Überhaupt
ist die heurige Biennale eine der politischsten der letzten Jahrzehnte,
häufig ist auch Kritik am Nationalitätenprinzip. Dazu muss man wissen,
dass hier anders als in Museen nicht die Künstler eingeladen, sondern
zunächst auf politischer Ebene offiziell die Nationen angefragt werden.
Im zweiten Schritt bestimmen dann die Ministerien entweder den Kurator,
eine Jury oder manchmal auch ohne Sachverstand direkt die Künstler.
Berlusconi engagierte Duzfreund.
Aber können und wollen Künstler überhaupt ihre Nation vertreten? Ist
dieses Konzept überhaupt noch sinnvoll? Seit den 1960er-Jahren
diskutiert, ist es bis heute nicht abgeschafft. Das hat gute Gründe,
denn erstens bleibt nur so die Finanzierung dieser riesigen
Leistungsschau gewährleistet.
Zweitens lassen sich an den Teilnehmerländern weltpolitische
Verhältnisse ablesen: Schon früh wurde Japan eingeladen, Russland nahm
jahrelang nicht teil, der „Jugoslawien“-Pavillon erzählt von einer
vergangenen Konstruktion. Drittens eignet sich das Nationale gut als
Reibungsfläche. Manche allerdings scheitern daran auch gewaltig, dies
passiert heuer just dem Gastgeberland. Für seinen Beitrag bestellte
Italien einen Kenner klassischer Kunst, einen Duzfreund Berlusconis. Er
bat 200 Designer, TV-Größen und Historiker, je einen italienischen
Künstler vorzuschlagen. Die meisten davon sind unbekannt – und werden
es bleiben. Gäbe es Qualitätsprüfungen, müsste Italien disqualifiziert
werden.
Soldaten in Kampfanzügen. Radikal
dagegen Lee Yongbaeck für Korea: Sie lässt Soldaten mit Kampfanzügen in
Blümchenmustern durch das Gelände marschieren und verwandelt den
Pavillon mit einem Schussfeuer auf (Video-)Spiegel in ein bedrohliches
Territorium. Großartig Polen, in dessen Pavillon die israelische
Videokünstlerin Yael Bartana ihre „Polish Trilogy“ zeigt. Im ersten
Teil bittet ein junger Mann in einer bewegenden Rede in einem leeren
Stadion die Juden, doch wieder zurück nach Polen zu kommen. Im zweiten
Teil sind einige, die wie jüdische Siedler der 1930er-Jahre gekleidet
sind, dem Ruf gefolgt und bauen eine gefängnisartige Siedlung in
Warschau auf. Der dritte Teil hat jetzt in Venedig Premiere: Der Redner
ist ermordet worden.
Beeindruckend auch der Roma-Pavillon, der nahe dem Markusplatz im Haus der Unesco installiert ist und Videos, Vorträge, Lesungen, Performances zur katastrophalen Situation der Roma versammelt. In dieser komplexen Mischung aller Beiträge bestätigt die Biennale Venedig wieder ihre Bedeutung: Hier wird alle zwei Jahre eine weltpolitische Situation widergespiegelt.
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