ERNST P. STROBL Wien (SN). Der Nachlass des 1975 verstorbenen österreichischen Künstlers Fritz Wotruba umfasst rund 400 Skulpturen, weiters 2500 Zeichnungen und 1500 druckgrafische Blätter. Ein Teil davon soll Ende 2008 in das 20er Haus beim Südbahnhof übersiedeln, das zum Imperium von Agnes Husslein gehört. Die Museumschefin hat dort vorerst 700 Quadratmeter für ein Schaulager samt Forschungsstätte reserviert. Vorläufig ist Wotruba als einem der wichtigsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts eine große Retrospektive gewidmet, die am Montag - datumsgenau zum 100. Geburtstag - im Oberen Belvedere eröffnet wurde und die bis 23. Juli an das Frühwerk erinnert.
Der Ausstellungskurator Alfred Weidinger legt leidenschaftlich darauf Wert, mit den Exponaten - 15 Steinskulpturen, mehr als zehn Bronzen, Gips- und Tonmodellen, aber auch Zeichnungen und Aquarellen - die Bedeutung dieses "unterschätzten" Frühwerks zu unterstreichen. Im Bewusstsein einer breiten Bevölkerung ist Wotruba heute wohl vorwiegend wegen seiner monumentalsten "Skulptur" präsent, der 1976 geweihten Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit in Wien-Mauer, genannt "Wotruba-Kirche". Dennoch lohnt ein Blick auf das frühe Schaffen, dessen chronologische Aufstellung ein Torso (1928/29) eröffnet und ein Sitzender (1949) beendet. Beide sind übrigens aus demselben Material, Mannersdorfer Kalkstein.
Die menschliche Kathedrale als reine Form Finanziert wird die Ausstellung zur Gänze vom Fritz-Wotruba-Verein, der in den vergangenen Wochen mitunter für Schlagzeilen sorgte. Kolportiert wurde, dass dieser Verein mit dem Erbe des Bildhauers nicht gerade sorgsam umgegangen wäre, diesbezügliche Medienberichte mussten allerdings widerrufen werden. Für Agnes Husslein ist alles in bester Ordnung, auch für die Zukunft des Wotruba-Werkes im 20er Haus hofft sie auf entsprechende Zuwendungen.
Für die Belvedere-Chefin Husslein ist diese Wotruba-Schau nicht nur ein Bekenntnis zur Skulptur in ihrem "Kompetenzzentrum österreichischer Kunst", sondern soll Beginn und Auftakt einer Reihe verwandter Ausstellungen sein. Fritz Wotruba ist da ein passender Exponent, dessen Einfluss sich auch seine berühmtesten Schüler wie Joannis Avramidis, Alfred Hrdlicka, Andreas Urteil oder Josef Pillhofer nicht entziehen konnten.
Die Ausstellung umspannt aber auch die Entwicklung von Wotruba selbst, der in seinen jungen Jahren durch seinen Lehrer Anton Hanak und dessen Methode geprägt war, sich an Michelangelo zu orientieren. Später beeinflusst vor allem Wilhelm Lehmbruck den Wiener Bildhauer. Die 30er und frühen 40er Jahre verbringt Wotruba in der Schweiz, ehe ihn Herbert Boeckl 1945 an die Akademie der bildenden Künste Wien zurückholt. Die Zerstörungen am Wiener Stephansdom veranlassen Wotruba, den bisher gepflegten "klassizistischen" Stil aufzugeben. Die Skulptur "Weibliche Kathedrale" markiert diesen Umbruch, der in der Großen sitzenden Figur, auch "Menschliche Kathedrale" genannt, im Jahr 1949 seine Vollendung findet.Information: www.belvedere.at.






