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derStandard.at | Kultur | Bildende Kunst 
22. Jänner 2008
17:00 MEZ
Foto: Shahram Entekhabi
Erweiterter Schleierbegriff: Shahram Entekhabi: "Little Black Dress", 2003–2005.

Kunsthalle Project Space: "Mahrem – Anmerkungen zum Schleier"
Der Project Space am Karlsplatz versammelt neun assoziative Annäherungen von Künstlern an ein ebenso heftig wie oft genug ahnungslos diskutiertes Thema

Wien – Nilüfer Göle, Pariser Soziologin, zum Begriff Mahrem: "Die westlichen Vorstellungen des Privaten und Öffentlichen werden in anthropologischen Schriften über muslimische Gesellschaften oft in Begriffen des ,Innen‘ und ,Außen‘ gefasst. ,Mahrem‘ hingegen bezeichnet nicht nur etwas Räumliches, sondern etwas Körperliches und Relationales. Etymologisch gesehen steht ,mahram‘ im Arabischen für männliche Verwandte (Brüder, Väter, Onkel), die Frauen begleiten. Im Türkischen deckt das Wort allerdings ein weiteres semantisches Feld ab und bezeichnet alles Verbotene. Unantastbare, Geheime, Heilige sowie alles, dem Ehrerbietung und Achtung gebührt."

Die Debatte um den Schleier spiegelt die veränderte Selbstdarstellung muslimischer Frauen und die damit verbundenen Spannungen in der Öffentlichkeit wider. Trotz teils kaum miteinander in Beziehung stehender politischer Zusammenhänge evoziert die Verschleierung unzählige Fragen wie Vermutungen und Fehlinterpretationen zu Religion und Säkularismus, Frömmigkeit und Politik, Feminismus und Islamismus. Die Verhüllung, die besondere Rolle des weiblichen Körpers und strenge Privatisierung der Sexualität der Frau im Islam deutet auf die scharfe Grenzziehung zwischen akzeptiertem und verbotenem Verhalten, zeugt jedenfalls von Kompatibilitätsproblemen islamischer wie westlicher Vorstellungen von öffentlichem Leben.

Wie facettenreich dabei die Bedeutung des Schleiers sein kann, zeigt die Installation Women Who Wear Wigs von Kutlug Ataman: Verkleidung, religiöser Zwang, freiwilliges Bekenntnis, identitätsstiftendes Accessoire, Blickschutz, Ausweis für die Zugehörigkeit zu Traditionen, Signal offen vorgetragenen Andersseins. Die Differenzen zwischen Intimität und Öffentlichkeit, Verstecken und Zeigen, Verbergen und Sehen, sowie die Akzeptanz und bzw. rabiate Ablehnung dieses Bekleidungsstückes werden in der Schau Mahrem von neun Künstlern ausgelotet, nachgegangen wird ebenso dessen ethischer wie ästhetischer Dimension.

Eine der Künstlerinnen, Bruna Esposito, meint: "Wie Blütenblätter sich öffnen und schließen, um das wertvolle zarte Zentrum zu schützen und zu enthüllen. Sind die Schleier wie Blütenblätter, oder werden sie zusehends zum Thema einer allgemeinen Paranoia? Weltweites Symbol nur einer Streitfrage. Ich mache Blumen und gebe sie Leuten. Das hilft. Das hilft mir zumindest, meine Sorge zu überwinden. Meine Sorge um das Paradox eines doppelten Verbots, das teils aus dem Westen und teils aus dem Osten kommt."

Die Schau wird begleitet von einer Diskussionsreihe zum Umgang mit islamischer Kultur mit u. a. Nilüfer Göle, Carla Amina Baghajati (Medienreferentin der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich) und Gudrun Harrer vom Standard. (Markus Mittringer, DER STANDARD/Printausgabe, 23.01.2008)


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