Ungebremster Trieb zum Spiel mit Tauben
Clemens Panagl Linz (SN). Dass es nicht gut ist, der Internetplattform Facebook allzu persönliche Dinge anzuvertrauen, hat sich herumgesprochen. Das Internet vergisst nichts. Aber auch mit den Basisinformationen, die jedes der 500 Millionen Mitglieder bei Facebook öffentlich macht, lässt sich einiges anstellen. Die beiden italienischen Künstler Paolo Cirio und Allessandro Ludovico haben das mit ihrem Projekt „Face to Facebook“ vorgeführt. Beim heurigen Prix Ars Electronica erhalten sie dafür einen Anerkennungspreis (Sparte Interaktive Kunst). In der Ausstellung Cyber Arts im OK Centrum für Gegenwartskunst ist ihre Arbeit zu sehen.
„Das Mantra von Facebook ist es, dass man ständig neue Freunde findet“, erläuterte Allessandro Ludovico im Presserundgang am Donnerstag. Das Künstlerduo hat den Gedanken auf die Spitze getrieben: Eine Million Namen und zugehörige Porträtfotos haben sie aus dem Netz gefischt. Die Bilder haben sie mit einem Gesichtserkennungsprogramm gefiltert. Auf einer fiktiven Partnersuchbörse namens „lovely-faces.com“ konnte man die Gesichter, eingeteilt nach Kategorien wie „Aufsteiger“ oder „lustiger Typ“, heuer im Februar für kurze Zeit im Netz sehen. „Innerhalb von 48 Stunden hatten wir 200 internationale Medienberichte“, sagt Ludovica. Und nach zehn Tagen musste die Seite vom Netz gehen. Die Anwälte von Facebook und jene der Künstler streiten immer noch.
Wie anfällig für Manipulationen auch Medienberichte sind, das zeigt ein paar Kojen weiter das Projekt „Newstweek“ von Julian Oliver und Dana Vasiliev, den Gewinnern der Goldenen Nica für Interaktive Kunst. Es spielt mit der Anfälligkeit von Internet-Hotspots. Wenn Nutzer eines solchen Hotspots plötzlich auf ihrem Lieblingsnachrichtenportal seltsame Schlagzeilen lesen, dann könnte das an dem von den Künstlern erfundenen Kästchen liegen. Mit ihm lassen sich die Schlagzeilen der Newsportale für die jeweilige Netzwerkumgebung einfach umtexten.
Nach einem Gastspiel in der Tabakfabrik ist die Ausstellung heuer wieder im OK Zentrum für Gegenwartskunst zu Hause. Die Zahl der gezeigten Arbeiten ist etwas kleiner als im Vorjahr, die Ansätze sind wie jedes Jahr breit gestreut: Zwischen biowissenschaftlichen Visionen, ungebremstem Spieltrieb und ironischen Projekten ist alles möglich. Der Belgier Tuur van Balen etwa spielt mit dem Gedanken, ein Bakterium für Tauben zu züchten, das ihren Kot in Bioseife verwandeln soll, mit der sich gleich die Autoscheibe putzen ließe („Pigeon d’Or“). Und Marion Laval vom Duo Art Orienté Objet hat sich im Selbstversuch Blutplasma eines Pferdes injizieren lassen( Goldene Nica in der Sparte Hybrid Art).
Zurück zur Manipulation: Die deutsche Künstlerin Christine Lahr überweist in ihrem Projekt „Macht Geschenke: Das Kapital“ seit 2009 dem deutschen Staat jeden Tag einen Cent als Spende. Die 108 Textzeichen, die im Feld „Verwendungszweck“ zur Verfügung stehen, füllt sie nach und nach mit den Zeilen aus „Das Kapital“ von Karl Marx. In 43 Jahren könnte so der ganze erste Band des Werks als Buchungstext in den Bankbüchern eingeschrieben sein.Ausstellung: Cyber Arts, OK Centrum f. Gegenwartskunst, Linz, bis 7. 9. www.ok-centrum.at




















