Artikel aus profil Nr. 26/2002
Kunst statt Angewandtes

Peter Noever, seit 16 Jahren Direktor des Museums für angewandte Kunst (MAK) in Wien, steht vor der Realisierung seines vielleicht größten Coups.
Sie kam mit zwei Geschenken. Eines stammte von den Gärtnern der Stadt Wien, eines von ihr selbst. Elisabeth Gehrer gratulierte. Erst spendeten die Gärtner 600 getrocknete Rosenköpfe, die die Ministerin in einer Glasschale zum Geburtstag des Jubilars mitbrachte: Zehn Rosen für jedes Lebensjahr von Peter Noever, dem Direktor des Museums für angewandte Kunst. Dann überbrachte die Unterrichtsministerin, die in dieser Funktion auch für die Bundesmuseen zuständig ist, ihr eigenes Geschenk: einen Scheck über vier Millionen Schilling zur Sanierung der MAK-Dependance in Los Angeles, die durch einen Sturm zu Schaden gekommen war.

Frische Rosenblüten, nicht mehr bloß getrocknete, waren es dann, die den Boden des Marmorsaals im MAK in riesigen, blut-roten Lettern mit einem P und einem N zur anschließenden Party schmückten: Das wiederum war ein Geburtstagsgeschenk der MAK Art Society, des Unterstützungsvereins des Museums. Wie früher nur die Großfürsten ließ sich da letztes Jahr einer feiern, dessen Liebe zu opulenten Festen bekannt ist und der auch sonst die imperiale Geste dem zurückhaltenden Ausdruck vorzieht. Darin ist ein Hang zu Auftritt und Repräsentation zu erkennen, der an versunkene Hofgebräuche erinnert und in neoliberalen Sparzeiten auch in der Wiener Museumslandschaft selten geworden ist. Peter Noever konsumiert in altem Stil White Russians und Bloody Marys, während die andern eher Cola Light schlürfen.

Wie kommt es, dass der heute einundsechzigjährige Noever selbst von Politikern mit derartigen Galanterien hofiert wird? Peter Noever ist erstens selbst ein Mensch, dem Kleinkrämerisches fremd ist: "Wenn er schenkt, dann muss es das Geschenk schlechthin sein", so ein Freund Noevers. "Blumen sind niemals nur ein Sträußchen, sondern ein Baum, Käse, der serviert wird, ist ein 5-Kilo-Laib." Zweitens hat Noever das Talent, auf die Bedürfnisse von Leuten einzugehen; sein gutes Verhältnis zu Politikern - das er übrigens selbst nicht als solches bezeichnen würde - rührt vor allem daher, dass er seine Anliegen entsprechend überzeugend zu kommunizieren weiß. Daher auch die gute Zusammenarbeit mit Wissenschaftsminister Erhard Busek (einst) und Elisabeth Gehrer (heute). Drittens ist Peter Noever dafür bekannt, dass er neue Projekte mit visionärer Ideenkraft und viel Vermarktungstalent aufzuziehen imstande ist.

Als es etwa darum ging, ein baufälliges Apartmenthaus in Los Angeles als Außenstelle für das MAK zu erwerben, demonstrierte er dieses Talent eindrucksvoll: 1992 befand sich Peter Noever auf einer Reise in den USA und besuchte auch das heute berühmte Mackey House des emigrierten österreichischen Architekten Rudolf M. Schindler, das zum Verkauf ausgeschrieben war. Noever begutachtete Schindlers Verlassenschaft und traf sich anschließend sofort mit einem Makler. "Dieses Objekt müssen wir für die Sammlung erwerben", faxte er nach Hause, "es kostet weniger als eine Biedermeierkommode." Dabei war noch völlig unklar, wie das Haus finanziert werden sollte - und mit welchen Inhalten es gefüllt werden würde. "Die Idee, eine Dependance in L.A. zu unterhalten, schien damals allen völlig irr. Niemand wusste, wer Schindler war", so die frühere Kuratorin und Verantwortliche für die L.A.-Projekte, Daniela Zyman. Aber 1995 konnte die MAK-Außenstelle als MAK Center for Art and Architecture mit eigenem Ausstellungsprogramm und den begehrten Stipendiaten-Ateliers eröffnet werden.

Spektakuläres

Andere Projekte, wie die heute etwas sinnlos im Garten des MAK am Wiener Stubenring freiliegende Betonterrasse, wurden gegen das Kopfschütteln vieler Kritiker errichtet - und nun steht das in seiner Symbolik vielleicht am eindeutigsten gigantomanisch anmutende Projekt in Noevers Karriere an: der Contemporary Art Tower (CAT), ein neues Ausstellungszentrum für zeitgenössische Kunst in einem der ehemaligen Flaktürme im Wiener Arenbergpark.

Abgesehen davon, dass mit der "Kunst im Bunker" auch Negatives konnotiert ist, illustriert CAT doch bestens Noevers Kunstbegriff: Spektakulär soll alles sein, aufsehenerregend und laut am besten auch. So steht am Eingang der aktuellen Russen-Ausstellung im MAK natürlich ein richtiger Panzer, aus dem immer wieder Wortkaskaden schießen. Hier trifft sich Noevers Hang zur repräsentativen Inszenierung mit seiner Freude an anarchischen Störakten und der Bevorzugung exemplarischer Einzelleistungen. An der zeitgenössischen Kunst vermisst er zurzeit die "Radikalität" - kein Wunder also, dass ein professioneller Theaterprovokateur wie Christoph Schlingensief momentan zu seinen Lieblingskünstlern zählt.

Dass Peter Noever sein Stammgebiet, das Design, immer wieder vernachlässigt und hartnäckig Kunst statt Angewandtes in seinem Museum zeigt, gehört zu den Dauervorwürfen, mit denen er konfrontiert ist. Dabei hat er schon zu Beginn seiner Tätigkeit als Direktor 1986 in einem Interview klargestellt: "Meine Aufgabe sehe ich in der Auseinandersetzung mit der Kunst, ihren Entwicklungen, den Künstlern, aber nicht mit den Bürokraten und der Huldigung leerer Rituale." Auch heute setzt er Kritikern entgegen, dass er den Begriff "Kunstgewerbe", für den sein Museum steht, lieber wieder zerlegen möchte: in Kunst und Industrie. Die Bemerkung, dass seine anfangs bahnbrechende Neuinszenierung der MAK-Schauräume durch bekannte internationale KünstlerInnen wie Barbara Bloom, Franz Graf, Donald Judd oder Jenny Holzer nun doch schon etwas Staub angesetzt haben könnte, quittiert Noever lakonisch: Er sehe dies keineswegs so. Obwohl er selbst vor 16 Jahren mit der Warnung vor "musealer Zementierung aktueller Kunstströmungen" angetreten war.

Aber bislang hat Noevers untrüglicher Sinn fürs Machbare und sein "unheimliches Gefühl für das Entwicklungspotenzial von Institutionen" (Daniela Zyman) ihm noch immer Recht gegeben; so dürfte auch das CAT-Projekt irgendwann realisiert werden, vorausgesetzt, Noever ist dann noch Direktor des MAK. Eines steht fest: Sobald er die vorgesehenen 22 Millionen Euro für die notwendigen Adaptierungen des Bunkers aufgetrieben hat, soll gebaut werden. Nur wenn es darum geht, Teamstrukturen aufzubauen oder Mitarbeitern seines Betriebs konzeptionelle Eigenständigkeit zu gewähren, versagen Noevers Visionen. "Ich kann nicht ins Büro gehen, ohne dass ich irgendwo eingreife", gesteht er. "Aber die Kunst ist", so lautet eine seiner Maximen, "kein demokratischer, sondern ein individueller Vorgang."


Autor: Patricia Grzonka


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