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Kunstsinnig

Das Maß aller Bäuche

Von Claudia Aigner

Das österreichische Webverzeichnis!Der Bauch und kein Ende. Denn der Mensch hat ja nicht nur Essgewohnheiten, er ist auch ein Gewohnheitsesser. Was die Pflanzen serienmäßig haben, das fehlt ihm einfach, nämlich das grüne Etwas, das gewisse Grün. Weshalb nicht einmal die "grünen Männchen" brauchbar zur Photosynthese befähigt sind, die Bundesheergrünen, die mit ihrem beschaulich grünen "Fond de Teint" im Gesicht (aus der Tube) und einem "Biotop für Blattläuse" auf dem Kopf (aus der frei herumliegenden Natur) mit der Botanik fraternisieren. Ja schon Adam und Eva, die sich mit den Prototypen der Tarnkleidung, mit ihren Tarnslips aus Feigenblättern, notdürftig in die Vegetation hineintarnten, mussten im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot essen und es reichte nicht aus, bloß geduldig den Hintern in die Sonne zu recken und im Schweiße ihres rückwärtigen Angesichts das Licht zu empfangen.
Ich kann's nur immer wiederholen: Der Bauch (bekanntlich der Mittelpunkt der gastronomischen Welt, also des Essens) ist das Maß aller Dinge. Das erinnert uns (meinen Bauch und mich) irgendwie an den Homo-mensa-Satz des Protagoras. Ups, ein Lapsus: Homo-mensura-Satz soll's natürlich heißen. Maß (mensura), nicht Mensa (Tisch, zum Beispiel Küchentisch). Der Tisch (vorzugsweise der gedeckte Esstisch oder das Tischleindeckdich) ist vielleicht nicht das Maß aller Menschen, aber ich kann beweisen, dass der Mensch das Maß aller Torten ist. (Weil der Mensch, kraft seiner tollen Proportionen und Beweglichkeit und weil er seine Gliedmaßen beherrscht wie die Hampelmänner, sich perfekt einer Torte einschreiben lässt.) Dazu bedarf es freilich zuerst einmal einer Nabelschau.
Der Nabel - das ist das, wo das Essen zum ersten Mal bei uns angedockt hat, als unser Bauch noch im Fruchtwasser schnorchelte und eine Pipeline (die Nabelschnur) uns mit der essbaren Welt verbunden hat, als wir in einem kleinen Schlaraffenland voller Atzung schwebten, in einer Welt ohne Futterneid, weil dort niemand andrer gefüttert wurde als wir (und wir, mein Narzissmus und ich, hatten ja keinen Zwilling). Der Nabel, diese neckisch rundliche Vertiefung in der Mitte des Bäuchleins, ist das Mal, das die pränatale oder besser: "präorale" Nahrungsaufnahme hinterlassen hat. Wir, mein Stoffwechsel und ich, sind also von Geburt an vom Essen gezeichnet. Mutterkuchen - um wie viel mundwässernder klingt das doch als "Plazenta". Als hätten österreichische werdende Mütter dort einen Gugelhupf. Und der eigentliche Geburtsschock: die plötzliche Trennung vom Essen, vom Kuchennaschen.
Und ebendort, in den Nabel, ins einstige Kuchennaschorgan (mittlerweile versperrt wie die Paradiesespforte nach dem Sündenfall), hat Leonardo da Vinci die Spitze seines Zirkels gerammt, um den vorbildlich proportionierten "Homo circularis" zu erschaffen, den Menschen, der, streng nach Vitruv, einem Kreis (und gegebenenfalls also auch einer Torte) wie angegossen passt. Halt sofern er sich in der Hampelmannstellung hineinlegt, während bei ihm also jemand unten am Schnürl zieht und er mit den Extremitäten nach oben "hampelt". (Und Adam hatte womöglich doch einen Nabel: von der göttlichen Zirkelspitze.)
Zirkel, Kreis, Gott? Das kennen wir, mein Nabel und ich, doch von irgendwoher. Genau: aus einer Miniatur in einer "Bible moralisée" aus dem 13. Jahrhundert, aus der Österreichischen Nationalbibliothek. Da erschafft Gott die Welt mit seinem Schöpfungsbesteck: einem Zirkel. Macht eine schöne Scheibe. Als wär' er ein Architekt (oder ein Tortenbäcker). Legen wir, mein Gusto und ich, nun alles übereinander: den Homo circularis, die Welt und jetzt noch die Torte. Deckungsgleich! Mathematisch gesprochen: kongruent. Ergo: Der Nabel der Welt liegt genau in der Mitte einer Sachertorte.
Ich gelobe: Meine nächste Geburtstagstorte (schon am 23. August) wird einen Nabel haben und den werd' ich mit einem einzigen Kerzlein pfählen und dann andächtig davor trenzen. Und ich muss es nicht einmal meinen Beichtvätern, die Legion sind, beichten (den Weizenkeimen), wenn ich dabei unkeusche, undiätetische Gedanken habe. Schließlich ist das Tortenessen eine Feier des Sechstagewerks und demnach fast ein Gottesdienst. Fortsetzung folgt. Denn die Zuckerbäcker, die Tortenkundigen, sind Weltenschöpfer mehr als sie selber ahnen. Doch davon nächste Woche.

Erschienen am: 30.07.2004

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