| Salzburger Nachrichten am 10. August 2005 - Bereich: kultur
Kulturtransfer per Film
Ulrike Ottinger wandte sich in den 70er Jahren von der Malerei kommend dem Filmemachen
zu. Ihre feministischen, ethnologischen wie psychologischen Kurz- und
Spielfilme lassen eine Vorliebe für Dokumentation und Fiktion,
literarische Inspiration, (gesellschaftliche) Verwandlungen, visuelle
Opulenz sowie eine künstlerisch-technische Betonung des
Kulturtransportmittels Film erkennen. Derzeit würdigt das Salzburger Filmkulturzentrum Das Kino dieses Schaffen in einer
umfassenden Schau (bis 17. August), zugleich sind Ottingers Arbeiten der
bildenden Kunst im Salzburger Kunstverein ausgestellt. Heute, Mittwoch,
ist die 1942 geborene Ottinger im Das Kino zu Gast. Ihren Kunstanspruch etwa dokumentiert "Dorian Gray - Im Spiegel der Boulevardpresse"
(1983). Eine Bilderrevue über Narzissmus und Dandytum, Verführung und
Vernichtung, in der Dorian Gray als Produkt der Massenmedien zelebriert
und tradiertes Rollenverhalten aufgebrochen wird. Ottingers Reisefilme verweigern die schnelle Annäherung an Ort und Menschen. Langsam nimmt
sie etwa in "Exil Shanghai" (1997) Fragmente verschiedener Spuren
jüdischer Zuwanderung nach Schanghai und ihrer Vertreibung auf, die durch
Erzählungen von Angehörigen dieser Spuren zu persönlichen Geschichten
werden. In "Johanna d'Arc of Mongolia" (1989) liegt schon im Titel
Ottingers Faible für das Spiel mit Verweisen auf Vorbilder und Legenden.
Vier Frauen beginnen eine Reise in der Transsibirischen Eisenbahn und
werden von mongolischen Reiterinnen entführt. In der Mongolei, Ottingers
Ort der Sehnsucht, vollzieht sich Kulturtransport ohne Exotismus, der sich
auch hinter dem Kinobild vollzog. Ottinger war die erste westliche
Filmemacherin, die die Erlaubnis erhielt, in der Mongolei zu drehen.PIA
FEICHTENSCHLAGER |